Als ich mich 2004 mit meinem eigenen Unternehmen auf die raue See der Selbstständigkeit begab, lernte ich viel über Businesspläne, Excel-Sheets und staubtrockene Wirtschaftsliteratur. Alles langweilig, irgendwie blutleer und in keinerlei Beziehung zu meinem Leben als Unternehmerin. Wenn Ihnen solche Bücher gefallen, dann sind die Bücher von Stefan Merath vermutlich eher nichts für Sie.
Ich stieß vor einem Jahr auf Stefan Meraths Buch "Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer" und verstand, was dieser Autor richtig machte. Sein Konzept, dass Unternehmertum kein Job ist sondern ein Lebensstil, dass Unternehmersein schlaflose Nächte, himmelhochjauchzend-zutodebetrübt bedeutete, war für mich sofort nachvollziehbar. Und so ist es nur folgerichtig, dass Meraths Bücher nicht als "Anleitung in fünf Schritten...", als Ratgeber oder als staubtrockene Studienlektüre geschrieben sind sondern als Geschichten!
Denn auch in "Die Kunst seine Kunden zu lieben" erzählt Stefan Merath eine Geschichte: Die Geschichte von einem Unternehmer, dem seine Kunden auf die Nerven fallen oder gleich laufengehen bzw. von ihm die Kooperation aufgekündigt bekommen.
Um dem auf die Spur zu kommen und eine gezielte Strategie für das Unternehmen und vor allem für den Unternehmer zu entwickeln, bietet der Autor die von ihm selbst entwickelte Neurostrategie an. In der Geschichte durchlebt der Held zunächst alle Tiefen und Tiefschläge, die durchaus einen guten Film abgeben könnten, bevor er versteht und zwar mit Herz und Hirn, wie er seinen eigenen, gangbaren Weg finden kann.
Stefan Merath hat Geschichten als Lehrmethode nicht erfunden. Seit Gilgamesch hat die Menschheit Geschichten erzählt und aufgeschrieben, die die Urbedürfnisse aber auch Werte und Normen transportieren. Und der Klassiker der "Geldbücher" "The Richest Man in Babylon" von George S. Clason ist letztlich auch eine Geschichtensammlung -- von denen einige Anleihen aus der Bibel sind: eine weitere Geschichtensammlung. Und es ist noch dazu ein klassisches Muster, nämlich das, was jeden Hollywood-Film zusammenfasst: Man gets into trouble and gets out of it.
Möglicherweise liegt es an diesen ganzen Bezügen, dass das Buch auch noch spannend zu lesen ist. Für mich etwas ungünstig: Wenn ich die Geschichte rasch bis zum Ende lesen möchte, muss ich sie nochmal lesen, um dann auch die wichtigen Details aufzunehmen.
Auch die Engpasskonzentrierte Strategie (EKS), deren Grundzüge der Autor in seiner Geschichte verwendet, hat er nicht selbst erfunden (natürlich sagt er selbst, dass die Rechte an der EKS bei Fredmund Malik liegen), einzelne Elemente sind Büchern anderer Autoren (und ganz weniger Autorinnen) entlehnt (ja, immer gekennzeichnet!) und die Fußnoten mit Quellenangaben und Hintergrundinformationen machen deutlich, dass die Fachkenntnis, die dem ganzen zugrundeliegt, nicht allein vielen Jahren selbstgelebten Unternehmertums entspringt sondern auch persönlicher Bekanntschaft mit zahlreichen Experten und der Auseinandersetzung mit deren Literatur.
Doch wozu brauchen wir noch eine weitere Strategie? Was ist mit der Neurostrategie gewonnen, was wir nicht in vielen anderen Strategieansätzen bereits gesehen und gelesen hätten? Den Schlüssel dazu finden wir im Epilog zur "Kunst seinen Kunden zu lieben": das "Umsetzungsproblem". Merath schreibt "Was ist der Unterschied zwischen einer guten und einer funktionierenden Strategie? Was macht den Unterschied zwischen einem tollen Strategiekonzept, das auf dem Papier allen Anforderungen genügt, aber nicht erfolgreich ist, und einer mittelmäßigen Idee, die zu einem riesigen Erfolg wird? - Der Unterschied liegt im Strategen selbst, im Unternehmer" (S. 353). Eine Strategie, die nicht zum Strategen - also dem Unternehmer - passt, ist mit anderen Worten nicht das Papier wert, auf dem sie steht.
In dem Buch findet sich also noch einmal - wie schon in Ansätzen im "Weg zum erfolgreichen Unternehmer" - die Fokussierung auf die Identität von Weg und Ziel, eine Idee, die in der Umsetzung ein (schon beinah unglaublich) harmonisches Leben in Aussicht stellt.
ABER: Was ich für meine Situation als besonders bereichernd empfinde, ist die Tatsache, dass Unternehmer in KMU, an die sich das Buch richtet, nicht etwa aufgefordert werden, jetzt rasch Businessplan und Strategie nach dem vorgegebenen Rezept nachzukochen. Die Aufgabe ist noch einfacher und viel schwieriger zugleich: Das Rezept darf und muss ein jeder, eine jede für sich selbst entwickeln, Tipps und Ideen dazu im Buch, - und die Perfektion dieser eigenen Entwicklung braucht ganz grob gerechnet ungefähr ein Leben lang. Ein bisschen also bin ich so klug als wie zuvor. Doch auf höherem Niveau mit einer sehr vielversprechenden Aussicht - nämlich der, dass Unternehmersein niemals langweilig wird!