Die visuelle Bilderflut im Zeitalter der Massenmedien zeigt die Kunstwerke oft nur noch als eine Art von Bild unter vielen. Museen und Galerien verzeichnen spektakuläre Besucherzahlen und die Ausstellungen werden zum Event-Ereignis.
Der Maler Stephen Farthing (Jg. 1950), der gleichzeitig Professor für Zeichnen an der University oft the Arts in London ist, betrachtet diese Entwicklung allerdings mit Sorge. Denn je mehr Besucher sich in die Ausstellungen drängen, desto weniger Aufmerksamkeit wird den Kunstwerken geschenkt. Während man sich z. B. in ein Buch tagelang vertieft, betrachtet man die Gemälde im Vorbeigehen, obwohl sie wie jedes andere Kunstwerk voller Andeutungen und Aussagen stecken.
Konnten die Zeitgenossen diese versteckten Botschaften noch verstehen, fällt es dem heutigen Museumsbesucher wesentlich schwerer, die in den Bildern verborgenen Symbole und Metaphern zu erkennen. So können aber Details, über die wir heute hinwegsehen, der Schlüssel zum Verständnis des Werkes sein.
In seinem neuen Buch "Kunst. Die ganze Geschichte" aus dem DuMont Buchverlag will Farthing den Leser und Kunstfreund zum genauen Hinsehen einladen. An ausgewählten Beispielen vermittelt er Kunst auf völlig neue Weise. Dabei wird jedes Beispiel auf einer Doppelseite durch einen kurzen Text und vergrößerten Bildausschnitte analysiert. Ausführlich werden Malstil, Bildaufteilung, Licht- und Farbgebung beschrieben. So soll ein wachsames Betrachten und ständiges Hinterfragen von Kunstwerken entwickelt werden. Außerdem wird der betreffende Künstler in einem Kurzporträt vorgestellt und mit seinem Werk in seine Zeit eingeordnet.
Bei der Konzentration auf bestimmte Bilder gerät jedoch nie die Gesamtheit der Kunstgeschichte aus dem Blick. Renommierte Kunstwissenschaftler beleuchten die Höhepunkte und Entwicklungsstränge der Kunstgeschichte (in sechs Kapitel gegliedert), erklären Schlüsselbegriffe, die zu einem tieferen Verständnis der verschiedenen künstlerischen Ideen und ästhetischen Konzepte führen. Hier machen zudem Zeitleisten anschaulich, in welchem geschichtlichen Zeitabschnitt der Leser sich gerade bewegt. So wird die ganze Geschichte der Kunst von der Höhlenmalerei bis ins 21. Jahrhundert verständlich und übersichtlich erzählt.
Das Nachschlagewerk für Kunstkenner und solche, die es werden wollen, besticht vor allem durch sein modernes Layout, das die mehr als 1000 farbigen Abbildungen und die informativen Texte übersichtlich und gekonnt verbindet.
Fazit: Der außergewöhnliche Bild-Text-Band in hervorragender Qualität ist eine Quelle von Informationen und Hinweisen, die dem Leser vielfältige Möglichkeiten bietet, sich weiter in die Kunstgeschichte zu vertiefen.
Manfred Orlick