Fünf Sterne-Nicht-Sterne für diesen, wie es im Klappentext heißt, "subjektiven Erfahrungsbericht" auf den Spuren des Theaterpilgerwegs Christoph Schlingensiefs - von seinen filmischen Anfängen bis zu seiner Hinwendung zur Oper.
Der erste dafür, dass Catherina Gilles den Mut hat, ihr Publikum, ebenso wie den Gegenstand, über den sie schreibt, emotional herauszufordern. Und im besten Fall dazu provoziert, sich öffentlich in gänzlich unangemessene Reaktionen (respektive Rezensionen) hineinzusteigern.
Der zweite dafür, dass die Autorin sich aufmacht, nicht nur dem "Sog der Schlingensief'schen Inszenierungen" schonungslos nachzugeben, sondern ebenso schonungslos unnachgiebig das zu ergründen, was diesen Sog ausmacht, und was er wie und wozu lostritt.
Der dritte Stern-Nicht-Stern für das Kapitel zu Schlingensiefs Züricher Hamlet-Inszenierung. Der sich wahnsinnige stellende Thronfolger, der seine Theatertruppe, die Realität nachspielen lässt, um die Denunzianten dazu zu verführen, sich durch ihre Reaktionen selbst zu denunzieren, wird zur Metapher für das Schlingensief'sche Theater insgesamt. Das Durchspielen der Realität zum Durchspülen der Realität, die ursprüngliche, kindliche Form der Realitätsaneignung und -befragung zu der für den Theaterkünstler letztlich einzig möglichen. Vielleicht auch nur noch zur medienwirksamen Geste? Kunst und Nicht-Kunst sind keine Alternativen, so wenig wie das richtige Leben und das falsche. Das Theater kann nur noch dort Fuß fassen, wo der Verstand aussetzt, und die Zeichentheorie kapituliert.
Der vierte Stern-Nicht-Stern für das offene Bekenntnis der Autorin zu ihrem unruhigen Theaterherz, das auf der Suche nach den wenigen Momenten, in denen die unerwartete Berührung die Erwartung einer solchen ein ums andere Mal überrumpelt: "Da hat sich ein Erwartungsdruck aufgestaut, der zwar im Einzelnen schwach, aber hochgerechnet auf alle, die [...]die Marke Schlingensief sehen oder sehen wollen, ziemlich massiv ist."
Der fünfte Stern-Nicht-Stern dafür dass die Autorin bei all dem Schlingensief und seine Mitakteure erstaunlich unbehelligt lässt: "Es ist allerdings nicht meine Aufgabe, mich in irgendwen hineinzudenken. Sondern weiter ungeschützt von diesem Platz aus zu schreiben." Keine biographischen Rundschläge, kein Gestocher in Kritikerstimmen, keine Fußnotenhuberei, keine erhellenden Interviews, keine Verstellung.
Fünf Sterne-Nicht-Sterne für ein Buch, von dem ich allen abraten möchte, denen meine Rezension bis hierher eher nicht gefallen hat. Dem Rest sei es wärmstens ans offene Theaterherz gelegt.