Die Idee ist gut: Kinder malen gern, also warum statt des üblichen Malbuches nicht mal eines mit Vorlagen aus den Werken berühmter Künstler, ergänzt durch möglichst knapp gehaltene Ergänzungen? Und van Gogh mit seinen oft leuchtenden Farben bietet sich ja durchaus an für so ein Projekt.
Da jubelt der liebenden Eltern Herz, und für die Hebung des Bildungsniveaus wird auch was getan! Nix da mit PISA-irrelevanten Häschen und Kätzchen und Märchen zum Ausmalen, sondern richtig was für den spielerischen Bildungserwerb! 16 berühmte van-Gogh-Bilder zum malenden Kennenlernen, und auf der letzten Seite werden sie im ca. 3x4cm-Format alle nochmal vorgestellt.
Nun, was die (sinnvolle!) Knappheit der Ergänzungen betrifft, so kann man dieses Malbuch für Kinder aus, wie ich vermute, anspruchsvollem Hause nicht beanstanden. Wenig Bildungshuberei, die Bunt- und Filzstift-bewaffnete Kinder eh nicht interessiert, sondern aufs jeweilige Bild bezogene kurze Anmerkungen: Die Förderung durch seinen Bruder Theo, die Bekanntschaft mit Gauguin... Und den Kunsthändler Tanguy, den van Gogh porträtierte, gibt's gleich zum Fertigmalen.
Freilich wirkt die neckische zugehörige rhetorische Frage, ob denn van Goghs grüblerisches Wesen den armen Kerl erst zum Künstler gemacht habe, arg daneben -- mal ganz abgesehen vom kunsttheoretischen Holzschnitt der dahinterstehenden Überlegung. Vielleicht war ich ja ein besonders unsensibles Kind, aber mich hätte schon im zarten Alter mehr interessiert, warum der Monsieur Tanguy dem armen Maler nicht mehr Bilder in Auftrag gegeben hat, damit der endlich mal ordentlich Kohle hat und sich sattfuttern kann.
Oder die Belehrung, dass in der "Sternennacht" der Sternenhimmel aussehe, als sei er in Bewegung... na, also das musste mal gesagt werden! Käme ja keiner drauf, wo man das Bild doch nur jeden Dezember im Kalender von der Apotheke zu sehen kriegt... Ein wenig arg anbiedernd-tüttelig kommen sie generell dahergetrippelt, die Begleittexte, und vor allem überdurchschnittlich oft trivial. Da mir die "Kunst-Malbuch"-Serie für Kinder im Grundschulalter konzipiert scheint, hätte man die Autorin zudem drauf aufmerksam machen sollen, dass die Zielgruppe schon ganz fix mit Google, Wikipedia und Co. umgehen kann... Mir scheint es im Rahmen solcher erläuterter Malbücher jedenfalls sinnvoller, Interesse zu wecken, denn die weiteren Informationen beschaffen sich aufgeweckte Kids selber (zumal wenn man berücksichtigt, dass derlei Malbücher in den Kinderzimmern sogenannter bildungsferner Schichten [leider] eher selten zu finden sein dürften).
Überhaupt scheint mir der Erkenntnisgewinn ziemlich auf der Strecke zu bleiben: Worin nun eigentlich van Goghs besonderer Malstil besteht, wie er seine Effekte erzeilt -- nun, Überlegungen dazu hätte die Autorin doch anhand ausgewählter Beispiele anregen können. Hätte sie können. Hat sie aber nicht. Oder nur selten.
Was die Malbuch-Bilder selber angeht -- nunja. Ein etwas unausgegorenes Konzept mit guten Ansätzen: Mal dürfen die Umrisse selber ausgemalt werden, ganz so, wie man's selber noch kennt aus den eigenen, weniger anspruchsvollen Malbüchern. Aber meist darf ein Gemälde fertiggemalt werden. Und wieder denke ich an meine eigene kindliche Malfreude zurück -- also, dass meine "Ergänzungen" irgendwie nicht so doll ausgesehen hätten wie van Goghs Anfang, das wäre mir bei aller Unsensibilität doch aufgefallen. Nicht gerade motivierend, sowas mit sechs, sieben Jahren erkennen zu müssen... Und bei Malbüchern ist ein zweiter Versuch ja nicht drin. In diesem Malbuch drin sind jedoch die berühmten "Zwölf Sonnenblumen in einer Vase". Auf der gegenüberliegenden linken Seite ist dann die Vase in Umrissen vorgezeichnet, und das kreative Kind darf selber seine Lieblingsblumen in die Vase reinmalen, ganz nach Belieben. Also, dazu braucht kein Kind ein Malbuch!
Freilich gibt's auch Lichtblicke: Die Anregung etwa, wie ein Bild, das van Gogh im Abendlicht gemalt hatte, in der Morgen- oder Mittagsonne ausgesehen hätte. Die für die eigenen Bilder vorgesehenen Rahmen hätten zwar etwas größer ausfallen können als nur ca. eine Viertelseite, aber das kann man sicher auch anders beurteilen. Auf jeden Fall zeigen Beispiele dieser Art, dass die zugrundeliegende Idee nicht immer schlecht umgesetzt worden ist.
Ebenfalls nicht zu beanstanden sind Papier- und Druckqualität. Die Farben sind klar, hier wurde zum Glück ebensowenig gespart wie beim Papier. Allzu nachdrückliche Bearbeitung mit dickem Filzstift dürfte dem zwar weniger zuträglich sein, aber halbwegs achtsamer Umgang hält das mattweiße und feste Papier gut aus.