Aus der Amazon.de-Redaktion
1914 ging der französische Kubist Marcel Duchamp in ein Pariser Kaufhaus, erstand einen Flaschentrockner und signierte ihn. Mit diesem simplen Geniestreich war die Geschichte der bildenden Kunst quasi an ihrem Ende angelangt: Von nun an konnte alles museales Exponat sein oder nichts.
In dem nun wieder aufgelegten Band Kunst! Das 20. Jahrhundert nimmt Duchamps Flaschentrockner dementsprechend die ihm zustehende zentrale Stellung ein. Gleichzeitig kann man bis hin zum Werk von Cindy Sherman (geb. 1954) verfolgen, wie Malerei, Skulptur und Plastik auch nach ihrem Ende immer wieder einen neuen Anfang nahmen. Da finden sich Seite für Seite fachlich überaus kompetent kommentierte und weitgehend klug ausgewählte Schlüssel-, Meister- und Lieblingswerke: "Die Straße" (1933) von Balthus etwa, Alberto Giacomettis "Schreitender Mann I" (1960) oder Max Ernsts dämonisch wütender "Hausengel" (1937), der die Schrecken des Spanischen Bürgerkriegs ungleich beeindruckender darstellt als die ebenfalls aufgenommene "Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen" (1936) Salvador Dalís.
Alles in allem haben Jürgen Tesch und Eckhard Hollmann einen repräsentativen Querschnitt durch die Kunst des 20. Jahrhunderts zusammengetragen, der die schillernde Vielfalt von Moderne und Nachmoderne adäquat widerspiegelt. Da mag man auch kleine Druckfehler (Henrik Ipsen), fehlende Aktualisierungen oder Bezweifelbares (Jackson Pollocks Action Painting ist keineswegs "ohne Vorläufer", sondern von Max Ernsts Drippings inspiriert) gern verzeihen.
Vor allem aber illustriert Kunst! Das 20. Jahrhundert den Übergang des Kunstwerks vom Abbild äußerer Wirklichkeit hin zum autonomen Schöpfungsakt. Wie antwortete schon Matisse so folgerichtig auf die Kritik, seine tanzenden Frauen von 1909 sähen nicht realistisch aus? "Ich male nicht Frauen", sagte er, "ich male Bilder". --Thomas Köster
Kurzbeschreibung
Der reich bebilderte Band gibt eine chronologische Einführung in die Kunst des 20. Jahrhunderts. Er enthält fundierte Texte zu den ausgewählten Bildern und Künstlern von renommierten Autoren, die in vielen Fällen spezielle Kenner des jeweiligen OEuvres sind.