Im Winter 1946 trifft der Schriftsteller Paul Morand, die ins Exil begebene Chanel in St. Moritz, für mehrere Abende, wo er der untätigen, müssig, verärgerten, berühmten Modefrau sein Ohr schenkt und die Gespräche mitschreibt. Über 30 Jahre sollten diese Notizen verstauben, bis sie dann durch den Zufall eines Umzugs den Weg ans Tageslicht wieder finden sollten und 1976 erstmals in französisch veröffentlich wurden.
Kleine Kritik am Verlag: Im Anhang finden sich über 240 Anmerkungen, die aber im lfd. Text nicht markiert sind, ich habe es leider erst im Laufe des Lesens gemerkt und finde dies schade um die sonst so liebevoll mit Foto's ausgestattete Neuausgabe.
Eine vereinsamte Einzelkämpferin blättert da ihr Leben auf, das schon beginnend mit der Kindheit sich unnatürlich gestaltet, sie wächst in einem Waisenhaus auf und später in einem Umfeld von "Tanten", die sie eher unterdrücken als unterstützen, in dem sie z.B. sich anhören muss: "Geld wirst Du nie haben." Eine Frau die sich zur Kämpfernatur entwickelt, sich in die Arbeit vernarrt, erfolgreich wird, scheu und eher zurückgezogen lebt. Eine Frau die beide Weltkriege erlebt, ihr Talent sie weltberühmt werden lässt, ihr Unternehmen mit 6 Angestellten beginnt und bei 3500 Personen ankommt, die sich materiell alles leisten kann, und doch in ihrem Innenleben einen verzweifelten, traurigen, "ausgesetzten" Eindruck macht. Den einzigen Mann den sie liebt, Boy Capel, verliert sie durch einen tötlichen Autounfall. Es ist auch der Mann, der sie bei Gründung ihres Modeunternehmens finanziell unterstützen sollte.
Eine Frau, die von sich selbst sagt, zu den "dummen Frauen zu gehören", die das Alleinsein hasst und doch allein ist, Menschen in ihrer Nähe schon nach kurzer Zeit nicht mehr erträgt, die sich als Anarchistin und Werkzeug des Schicksals sieht, und zu dem gehören möchte, was kommen wird. Eine Psyche die von Strenge, Sarkasmus, Stolz, Zerstörungswut, Autorität, Temperament, aggressive Tyrannei, Schmählust und Verwüstungsinstinkt überschattet ist, verbunden mit einem Absolutheitsanspruch, der nur schwarz und weiss, heiss und kalt kennt. Sie wirkt wie jemand, der im eigenen Netz des Unbewussten wie auf eine Art blind gefangen ist. Sartre sagt über sie, sie sei eine "eingeschlossene Kreatur". Im Nachwort schreibt Morand: "Niemand richtete die Waffe des Snobismus deutlicher gegen sich selbst".
Eine Frau die umbarmherzig mit sich selbst kämpft, erbittert, mit Spottlust in sich, und einer grossen Ungläubigkeit. Chanel sieht sich selbst als ein armes Geschöpf, die es hasst bemitleidet zu werden, es liebt sich zu beklagen und das "Opferlamm" spielt. Eine mutige Frau, die mit ihren Ideen die Welt verändert hat und Beachtliches für die Modewelt geleistet hat. Ihre Gedanken einen Einblick in das Leben der Mode, aber auch einer mutigen Unternehmerin in den zwanziger und dreissiger Jahren gibt. Eine Frau, die den Drang nach Zerstörung und Neuanfang in sich spürte, auf radikale Art und Weise mit sich selbst als auch anderen umgegangen ist. Ein Mensch der sich zwar um andere kümmert, aber von sich selbst sagt: "..um mein eigenes Glück kümmere ich mich so gut wie nie..".
Eine Frau, die von sich sagt: "Ich liebe nur was ich erfinde, und ich kann nur erfinden, wenn ich vergesse". Die sich Gedanken über die Missachtung des Mannes seitens der Frau ihre Gedanken macht. Die den Frauen bald kritischer als den Männern gegenübersteht. Eine grosse Modedesignerin, die von sich sagt, "Ich habe dem Körper der Frauen seine Freiheit wiedergegeben".
Eine starke Frau die sich über ihren Tod hinaus äussert:
"..ich werde eine schlechte Tote sein, denn wenn ich erst einmal unter der Erde bin, werde ich rebellieren und nur den einen Gedanken haben, auf sie zurückzukehren und neu zu beginnen."