Ein Thema kulturgeschichtlich anzugehen, gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben eines Autors. Daher habe ich vor jedem Versuch grossen Respekt und bin jeweils neugierig, wie die konzeptionellen Fragen gelöst werden. Welche Quellen wähle ich aus? Wo setze ich Schwerpunkte? Gehe ich chronologisch oder exemplarisch vor? Wie unterhaltsam darf ich Fakten präsentieren? Welche Bilder wähle ich aus? Und welches Layout unterstützt das Informationspaket am besten? Der Restaurantkritiker Peter Peter hat diese Fragen ganz in meinem Sinn beantwortet. Einzige Ausnahme: die Wiedergabe des Bildmaterials. Kann ich mit dem braunstichigen Altrosa bei alten Fotos noch leben, wird mir beim Betrachten schöner Kunstwerke übel, wenn sie in diesem Farbmus verschlammen. Schade, hätte beinahe einen Stern gekostet, wenn mich der Rest nicht so überzeugt hätte.
Der Autor lässt seine Kulturgeschichte mit einem Zitat von Johannes Mario Simmel beginnen. "Wir Deutschen können ein Wirtschaftswunder machen, aber keinen Salat." Zwar scheinen noch immer viele Köche Spass daran zu haben, diese üble Behauptung zu bestätigen, aber seit einigen Jahren geht es auch in Deutschland rasant aufwärts mit Salaten. Wie es dazu kam und warum es so lange dauerte, erfährt der Leser bei Peter Peter. Aber selbstverständlich hat der Autor noch sehr viel mehr zu bieten. Wir hören von ihm, was bei den Germanen verspeist und versoffen wurde, warum Hildegard von Bingen die Klosterdiät erfand, was die Humanisten in Kochbücher kritzelten, worüber sich Luther freute, wo barocke Exzesse stattfanden, wie aus Essig langsam Wein wurde, wo die Drogen Kaffee, Tee und Schokolade ihren Siegeszug begannen, mit welchen Rezepten Dienstmädchen und Hausfrauen um die Gunst der Männer buhlten, warum Fastfood in Deutschland so ungemein beliebt war - und noch immer ist, wie Kohl Kohl bleibt, wer Hawaiitoast besonders mag, wann endlich Raffinierteres in deutsche Küchen drang, wen die TV-Menschen am liebsten an den Töpfen sehen und weshalb es auch im nächsten Jahrtausend noch Sauerkraut, Knödel, Würste und weich gekochte Nudeln geben wird.
Der unterhaltsame Text des fachkundigen Autors wird immer wieder von Bildern, Zitaten und Rezepten unterbrochen. Wobei einige schräge Rezepte den Kauf des Buches bereits rechtfertigen würden. Peter Peter lobt, kritisiert, beobachtet, mischt Ungewöhnliches zusammen und trennt scheinbar Unzertrennbares, gibt seine Literaturquellen preis und legt schliesslich ein kleines Gesamtkunstwerk auf den Tisch, das fast vollkommen ist.
Mein Fazit: Die merkwürdige Idee, Werke von Max Liebermann und seinen Kollegen gleich zu behandeln wie alte Kitschpostkarten, hält mich nicht davon ab, dieses Buch wärmstens zu empfehlen. Es wird allen gefallen, die Infotainment, viel Bildmaterial, aussergewöhnliche Rezepte und überraschende Zusammenhänge lieben. Der Autor macht nicht nur gekonnte Vergangenheitsbewältigung, sondern auch beste Werbung für die neue deutsche Küche.