Die Schwarte aus der Zeit um 1930 habe ich vor drei Jahren mit großer Spannung und großem Gewinn gelesen (und zwar eine schöne Ausgabe von Beck auf Bibeldruckpapier, wohl aus den frühen 1960er Jahren). Nirgendwo sonst findet man so lebendig geschriebene Porträts, die z. B. das Denken Raffaels, Shakespeares, Bacons, Descartes', Lichtenbergs oder Schuberts beleuchten. Genial, wie es Friedell in seinem intellektuellen Größenwahn schafft, den jeweiligen Stil der verschiedenen Zeitalter nachzuzeichnen. Dabei ist er in seiner eigenen Haltung erstaunlich konservativ und antidemokratisch, andererseits aber von einer erfrischenden geistigen Unabhängigkeit und einer ergreifenden Humanität geprägt, die ihresgleichen suchen.
Ein paar seiner Marotten stören auch: seine maßlose Verehrung für Friedrich II. von Preußen, seine ostentative Verachtung für Österreicher, Juden und Frauen (sie so gut wie gar nicht vorkommen), seine merkwürdigen Biologismen, sein völliges Unverständnis von Darwin, Marx und der sozialistischen Arbeiterbewegung. Nun gut, man kann nicht alles in einem Buch haben.
Friedells Liebe zur Welt und zu den Menschen mag man aus diesen Zeilen ablesen, die zugleich Friedells Liebeserklärung an das Mittelalter enthalten:
"Man hatte eben [im Mittelalter] die Lehre Jesu voll begriffen, deren Kern in der ernsten und einfachen Mahnung besteht, zu glauben; nicht daran zu zweifeln, dass diese Welt ist und dass sie ein Werk Gottes ist; dass alles ist, auch das Geringste und Niedrigste: die Ärmsten und Einfältigsten, die Kinder, die Sünder, die Lilien und Sperlinge; dass dies alles ist, wenn man dran glaubt oder, was dasselbe ist, wenn man es liebt."
(2. Kap.: Die Seele des Mittelalters, S. 93)