Egon Friedells „Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients" von 1936 war als Eröffnungsteil seiner „Kulturgeschichte des Altertums" gedacht, deren drei geplante Teile alle mit dem Untertitel „Leben und Legende der vorchristlichen Seele" versehen waren. Der Untertitel weist auf eine darstellerische Besonderheit hin: Friedell schreibt aus der Warte und mit dem Urteil des Christen, d.h. am christlichen Menschen-, Welt- und Gottesverständnis misst er die Weltbilder Ägyptens, Mesopotamiens, Babyloniens und Israels.
Er hat jedoch recht selbständige An- und Einsichten (und manchmal unliebsame Urteile), so dass auch der darüber unerfreute Leser zumindest eine profilierte und nachdenkenswerte Meinung dargestellt bekommt, die zur Stellungnahme reizt. Damit erfüllt Friedells Werk den guten Zweck, zur eigenen Meinungsbildung herauszufordern. Dies bemerkt der Leser bereits in der 80-seitigen Einführung, die als Grundlegung neben unentbehrlichen Erörterungen über die Ziele von Geschichtswissenschaft (zu) weit ausholt und eine ganze Palette von zeitgenössischen Vorstellungen ausbreitet, die heutzutage nur noch von esoterischen Kreisen geglaubt werden, als da z. B. wären, Platons Atlantis, Menschen, die lebten, bevor die Erde einen Mond hatte, Magie und Astrologie. Die erwähnte christliche Sichtweise und solche veralteten Vorstellungen lassen ahnen, dass es sich bei Friedells Buch nicht um eine gewöhnliche historische Arbeit handelt, sondern vielmehr geht es ihm darum, die Seele des vorchristlichen Menschen zu verstehen - und zu beurteilen.
Dieses Buch ist interessant für alle, die sich mit Anthropologie (die Frage nach der vorchristlichen Seele des Menschen ist das Grundthema), Geschichte (die anschaulichen Geschichts- und Alltagsdarstellungen lesen sich wie ein historischer Roman) und Theologie (die Ausführungen über Markion und Quellenscheidung im Alten Testament sind vorzüglich) beschäftigen möchten. Leider arbeitet Friedell auch mit rassentheoretischen Konstrukten, weshalb ich dieses Buch lieber nur in Händen human gesinnter LeserInnen wissen wollte. Es wäre aber ein Kurzschluss, deswegen das Buch verdammen zu wollen, denn Friedell selbst lagen die damit im Nachhinein verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit fern - beim Einmarsch von Hitlers Truppen nahm er sich 1938 in Wien das Leben.
Ich vergebe nur vier Sterne, weil mein Gesamteindruck aufgrund der vielen veralteten Sichtweisen des Buchs zu gespalten ist.