Die Entdeckung der "Narrativen Empathie"
Ein grandioses Buch, unbedingt empfehlenswert!
Auch hier ist die wichtigste Entdeckung in diesem Buch mehr als nur "originell" , sondern könnte bahnbrechend für das Verständnis sein, warum seit einigen Jahrzehnten (nicht nur im "Westen") so lebenswerte Gesellschaften entstanden sind. Ja, es könnte sogar ein Friedensnobelpreis verdient werden, wenn, ja: wenn diese Entdeckung konsequent zu Ende gedacht worden wäre.
Breithaupts neuartige These ist, dass Empathie zwischen Menschen nicht nur (wie auch bei anderen Lebewesen zu beobachten) subjektiv jeweils zwischen Zweien auftritt (Mutter/Kind usw. "Zweierszenenempathie" benannt), sondern darüber hinaus auch Empathie bei einem/r Dritten in der Beobachtung zweier Anderer entsteht und hier dann objektive Empathie für den/die Beteiligten möglich wird.
Diese "Dreierszenenempathie" bzw. "Narrative Empathie" benannte Fähigkeit wird an Beispielen gut nachvollziehbar nachgewiesen und beschrieben, hauptsächlich am "Stockholmsyndrom", also der Geiselnahme in Schweden 1973, die dadurch berühmt wurde, dass die Geiseln noch lange nach der Befreiung viel Verständnis für die Geiselnehmer zeigten. Breithaupt erklärt das damit, dass die Geiseln (als Dritte) den Konflikt der Geiselnehmer mit der Polizei beobachteten und dadurch auch für die Täter Empathie und auch Sympathie entwickelten.
Diese Fähigkeit zur Empathie für die Konflikte anderer Betroffener (als mikrosoziologische Basis, die dann makrosoziologisch wirkt) ) erweitert sich zu einer gesellschaftsbildenden Empathie auch für größere Gruppen.
Da solche Empathie zwangsläufig nur erzählt werden kann, benennt Breithaupt sie als "Narrative Empathie" und beschränkt sie aber ausdrücklich nicht auf Erzählungen aus der Literatur, sondern auch auf "erzählte" (im Sinne von: beobachtete) Alltagserlebnisse. Und schon das ist zumindest nobelpreisverdächtig.
Überhaupt ist dieses Buch von Breithaupt im Gegensatz zu anderen überraschend gut lesbar und klar aufgebaut. Wer bereits nach dem ersten Drittel diese Erkenntnis verstanden hat, wird aufgefordert, einige Kapitel zu überspringen und darf das auch. Von vielen Seiten her wird im zweiten Drittel nachgewiesen, dass diese Dreierszenenempathie im Grunde schon Aristoteles bekannt war ("Zuschauer eines Theaterstückes schwankend zwischen Mitleid und Furcht"), aber erst Ende des 17.Jhdt. wieder entdeckt wurde (von Lessing, der dann Nachfolger wie Goethe, Schiller, Kleist ff beeinflusste). Auch aus dem Bereich der Soziologie berichtet Breithaupt (hier allerdings recht unscharf), dass die inzwischen ebenso das triadische Denken entwickelt (Ego, Alter und zusätzlich Tertius), und auch Erkenntnisse aus der Gehirnforschung (Spiegelneuronen) werden anschaulich einbezogen.
Positiv überraschend fand ich, dass Breithaupt trotz des engen Rahmens des Buches vorgestellte Quellen (überwiegend aus der klassischen Literatur) so ausreichend genug zitiert, dass diese nicht mühevoll gesucht und nachgelesen werden müssen, so dass beim Lesen nie das Interesse verging.
Im letzten Drittel kommt Breithaupt zu dem Schluss, dass folgend aus der Narrativen Empathie die "Parteinahme in Konflikten" die grundlegende Triebfeder für Empathie überhaupt und (weniger klar) auch für gesellschaftliches Miteinander und Verständnis sei.
Hier allerdings bricht der grandiose Gedankenaufbau leider jäh ab und wird fast apodiktisch.
Objektive (ausdrücklich nicht subjektive!) Parteinahme für Andere, nämlich als Dritter und Beobachter zweier Streitenden und hier dann mit wechselseitiger (abwechselnder) zur Konfliktlösung strebenden Empathie ist in den ersten zwei Dritteln des Buches die Kernaussage aus allen angeführten Beispielen. Das erwähnt Breithaupt zwar in einem kleineren Kapitel, streitet aber faktisch deren Bedeutung ab und erklärt sie - wenn überhaupt - nur aus extrem dualnarrativ aufgebauter Literatur entstehend. Das folgend zitierte Beispiel ("Effi Briest") erlaubt jedoch gerade dies eben nicht!
Parteinahme ist nämlich ab hier für Breithaupt plötzlich nur noch als sehr einseitig und rein subjektiv vorstellbar - in Fußballspielen oder für gesellschaftliche Gruppen (Familie ff). Und diese Parteinahme ist dann ausdrücklich nur als Mittel zum Sieg über Andere für den Autor denkbar. Narrative Empathie ist plötzlich also nicht als Lösung für Konflikte denkbar, sondern sogar als erwünschte Hilfe (sogar Ursache) für Konfklikte! Ab hier vermischt Breithaupt auch die vorher umfangreich aufgebaute Trennung von (unwillkürlichem) Mitleid und der (kognitiv wirksamen) Empathie, jetzt würfelt er Beides in einem Satz zusammen, als wären das synonyme Begriffe. Selbst Schadenfreude wirft er (etwas später) in den gleichen Topf. Zum Schluss scheint es, er habe selbst sein eigenes wichtigstes Beispiel (das Stockholmsyndrom) nicht verstanden, denn da redet er nur noch von (ja sehr sinnvoller und verständlicher) absichtlicher Empathie der Geiseln in der Zeit der Geiselnahme, während ja (auch nach seiner Auslegung zu Beginn) gerade die anschließende (völlig sinnfreie) Empathie für die Täter das eigentlich Überraschende (und zu Erklärende) dieses Vorgangs war.
Es könnte hier erläutert werden, dass Breithaupt einen anderen (längst veralteten) Begriff von Empathie vertritt - Empathie ist für Breithaupt ein rein subjektiver Weg, Glückseligkeit zu erringen, und nur quasi ein "Filter für das Rauschen des Mitleides". Das würde den Bruch in diesem Buch erklären, aber schade ist es trotzdem.
Insgesamt könnte jetzt gesagt werden, das Buch sei das Lesen nicht wert, denn der Autor würfe im Herumdrehen das wieder um, was er gerade mühsam aufgebaut hat, aber diese Konsequenz hat er nicht verdient.
Mit Schopenhauer ausgedrückt zeigt uns auch dieses Buch nur "einen Weg durch den Wald", und "das, was es rechts und links zu sehen gibt", das kann und soll der Leser selbst entdecken - und da gibt es dank des gut lesbaren Inhaltes genug zusätzlich zu Sehendes! Dass Breithaupt zum Ende den Weg verliert, herumirrt und sogar umkehrt, das ist schade, aber den Rest des Weges zu entdecken, das ist dem Leser dennoch und gleichwohl möglich.
Oder auch (um es mit Worten des offenbar fußballbegeisterten Autors auszudrücken):
Das Buch ist eine grandiose Steilvorlage, leider wegen veralteter Spieltechnik nicht umgewandelt! Den Ruhm (das Tor, die Anerkennung, vielleicht sogar einen Friedensnobelpreis) wird sich (hoffentlich bald) ein/e Andere/r verdienen können.