Das Buch ist ein Dokument dafür, wie schwierig dieses Thema ist, denn das versprochene "Gespräch zwischen islamischen und westlichen Werten" gelingt auch hier in vielen Fällen nicht. Warum? Weil der Bezug zu einem gemeinsamen Fundament dieser Werte, zu einer dahinter stehenden Logik fehlt und damit auch die Vermittlung.
An einem Beispiel möchte ich das zeigen: Die angebliche Unterdrückung der Frau wird mehrfach angesprochen und diese westliche Interpretation islamischer Familienstruktur so selbstverständlich gesetzt, dass die dahinter liegenden Annahmen über das Verhältnis der Geschlechter erst gar nicht transparent gemacht werden. Die Frage "'Unterdrückt ihr eure Frauen?"' oder gar "'Warum unterdrückt ihr eure Frauen?'" ist ein Vorwurf, die Frage '"Wie versteht ihr das Verhältnis zwischen den Geschlechtern?'" wäre eine erkenntnisdienliche Frage gewesen. Auf letztere käme eine Antwort, die sinngemäß an das Anima- und Animus-Konzept von C.G.Jung erinnert. Im Islam sind die 99 Eigenschaften Allahs dem Menschen als Begabung und Aufgabe mitgegeben, also als Ideale. Die höchsten Eigenschaft Allahs ist die Barmherzigkeit (wohl besser als mütterliche Güte übersetzt, denn es ist eine Grundhaltung und nicht nur eine Reaktion auf ein Vergehen oder eine Not) und die ebenbürtige ist die Weisheit. Gott hat dem Mann die Begabung zur Weisheit und der Frau die Begabung zur Barmherzigkeit mitgegeben ' und eine unbarmherzige Weisheit ist kalt, eine weisheitslose Barmherzigkeit ist parteiisch. Die beiden Eheleute können sich nur miteinander zu ihrer Vollständigkeit, also zu ihrer Paradiesesreife hin entwickeln, sie können sie alleine nicht erreichen (u.a. deshalb ist Eheschließung eine muslimische Pflicht). Die Umsetzung der entsprechenden Gebote läuft dann auf verschiedene Weise ab: im entwickelten Falle heißt es, dass der Mann seine Frau auf dem Weg zu Allah (nicht zu seinem eigenen Vorteil!) berät und die Frau seinen Rat beherzigt (ihm eben nicht blind folgt, sonst bleibt ihre eigene Weisheit auf der Strecke). Und nur im primitiven Falle heißt es: '"Ich befehle und du tust, was ich sage."' Eheliche Konflikte sind aus islamischer Sicht Konflikte, in denen Weisheit und Barmherzigkeit zusammen finden müssen und das geht nicht, wenn man das Herz des Mannes durch Verführung oder den Verstand der Frau durch Gewalt bezwingen will. So, auf dieser Ebene machen Dialoge Sinn und könnten zum Kennenlernen des Anderen, zur Vertiefung der eigenen Sicht und zu für beide neuen, überraschenden Ergebnissen führen, aber auf dem Niveau von Vorwurf und Rechtfertigung kann man sie sich eigentlich auch schenken.
Das Gleiche gilt, wenn Begriffe wie Menschenrechte und Demokratie zur Sprache kommen. Auch hier bringt es nicht viel, nur dem westlichen Maßstab eine andere Norm gegenüber zu stellen, an der diese sich zu bewähren hat, sondern es müssten die verschiedenen Menschenbilder und Vorstellungen von Gemeinschaft zur Sprache kommen, die diese Normen begründen. Wenn das übergangen wird, dann wird dadurch nur die westliche Kultur verabsolutiert und die andere Kultur in die Rolle der Angeklagten gedrängt, bloß weil sie anders ist.
Doch wozu ein Dialog, dem die Bereitschaft fehlt, den Anderen kennenzulernen? Das fragt man sich bei mehreren der Interviews und es ist sehr schade, denn das Buch ist unbedingt lesenswert, die angesprochenen Themen sind wichtig, die Interviewpartner sind sorgfältig und mit Geschick ausgewählt, ihre Positionen sind interessant und konstruktiv, es waren also alle Voraussetzungen da für Gespräche, die mehr hätten sein können als nur Vorhaltung und Rechtfertigung. Wenn der Interviewpartner ins Erzählen kommt, besonders in den Äußerungen der jungen Deutschen, die Adoptivtochter eines Beduinenpaares ist, in den temperamentvollen Auslassungen einer ägyptischen Erzieherin und in der Erzählung über eine Reise zu den Tuareg, die das Buch beendet, ist der direkte Druck zwar aufgehoben, aber die Freiheit, sich als nicht nur folkloristisch Verschiedenen, sondern als zuinnerst Anderen darstellen zu können, entsteht dabei noch nicht. Das Angeregte in diesem Sinne weiter und tiefer zu denken ist also die Aufgabe, die sich nach der Lektüre dem Leser stellt.