Von den vielen Büchern, die ich über Ungarn gelesen habe, ist das hier das mit Abstand schlechteste. Ich bin begeistert vom Kulturschock-Band von Hanne Chen und Henrik Jäger und habe hier eine ähnliche Qualität erwartet, bin aber leider enttäuscht worden.
Árpád Bari lässt in diesem Buch seine rechtskonservative Haltung durchschimmern, wenn er über das globalisierte Weihnachtsfest mit Strom fressenden Girlanden schimpft, über das nachlassende Interesse an Volksbräuchen und immer kleiner werdende Maibäume oder über die Überfremdung der ungarischen Sprache. Dabei ist Bari unfreiwillig komisch, wenn er schimpft, dass die Ungarn jetzt "Duna plage" und nicht mehr "Duna Korso" sagen. Abgesehen davon, dass Korso auch kein ungarisches Wort ist, war die Duna plage nur ein sommerliches Ereignis, als mit vielen Kubikmetern Sand die Uferpromenade in einen Strand verwandelt wurde.
Solche Fehler aus Unwissenheit unterlaufen ihm öfter. Sei es, dass bei ihm die Malév plötzlich eine Tochtergesellschaft der Lufthansa ist, Rentner erst mit 75 und nicht schon mit 65 kostenlos Busse und Züge nutzen dürfen oder dass die Namenstage wichtiger sind als die Geburtstage.
Wenn Bari über die Möchtegern-Westlichkeit schimpft und darüber, dass die Ungarn alles anziehen, solange es aus dem Westen kommt, zeigt er, dass er noch immer im Ost-West-Schema gefangen ist, dass die Ungarn schon längst hinter sich gelassen haben. Immer wieder hat man beim Lesen das Gefühl, dass hier ein Mensch spricht, der seine Heimat vor 20 Jahren verlassen hat und jetzt der guten alten Zeit nachtrauert: Die antiautoritäre Erziehung hat in Ungarn zum Glück noch nicht Fuß gefasst, in den Schulen wird noch auswendig gelernt. Das öffentliche Verkehrsnetz war früher gut und ist es noch immer, weil es in staatlicher Hand geblieben ist. Dafür lösen sich in der Single-Gesellschaft die alten Lebensformen dramatisch auf, die Menschen leben ohne Trauschein in wilder Ehe, die Jungen rauchen immer früher und nehmen Ecstasy. Und auf dem Weg zum Sziget Festival (das schon lange nicht mehr den Namen "Pepsi" trägt) trifft man in der HÉV nur tätowierte, langhaarige Hooligans. Ich finde diese Ausführungen eher aufschlussreich, wenn es um den Autor geht, aber das wirkliche Ungarn beschreibt dieses Buch nicht.
Der Höhepunkt ist erreicht, wenn Bari erklärt, dass die ungarische Sprache gar nicht zu den finno-ugrischen Sprachen gehören kann, weil mehr Menschen Ungarisch sprechen als Finnisch. Diese Sprachtheorie sei von deutschen Forschern "erfunden" worden. Bari sieht den Ursprung der ungarischen Sprache lieber in Mesopotamien und präsentiert ein Schaubild mit Runenschrift. Dieses Weltbild ist in Ungarn in rechtskonservativen Kreisen und noch weiter rechts sehr verbreitet, hat aber nichts in einem Band der Kulturschock-Reihe zu suchen.
Über den Schreibstil des Buches habe ich bis jetzt noch gar nicht gesprochen. Im einleitenden Geschichtsteil werden die Zeiten so willkürlich durcheinander geworfen, dass es ein richtiges Ärgernis ist. Die Satzkonstruktionen sind typisch ungarisch, was die Lesbarkeit auch nicht fördert. Da mache ich dem Autor keinen Vorwurf, sondern dem Lektorat bei Reise Know-How. Ist dieses Buch wirklich durchgesehen worden? Der Einschub über das Sziget Festival, der wohl von Baris Tochter oder Nichte geschrieben worden sein soll, würde als Klassenarbeit nicht über eine Drei oder Vier hinauskommen, in einem vernünftigen Buch hat ein solcher Text nichts zu suchen.
Wenn man mich also fragt, ob dieses Buch lesenswert ist, antworte ich ganz klar: Nem, nem, soha!