Kulturschock Kaukasus
So ist das eben mit dem Kulturschock, den eingebrannte mitteleuropäische Besserwisser in fremden Ländern erleben: Sie vergessen ihren Humor und begeben sich auf interkulturelles Stammtischniveau. Ute Friesen und Marcus Würmli haben ihren Kulturschock im Kaukasus erlebt, weil sie offenbar nicht gefunden haben, was sie aus alten sowjet-russischen Kinderbüchern kannten. Drei Jahre musste die arme Frau in einem schrecklichen Land namens Armenien leben, immer drauf bedacht, dass ihre Gehaltsabrechnung niemandem in die Hände fällt und dass ihre Wollsocken so lange halten, bis sie daheim wieder Nachschub stricken lassen kann.
Kulturschock Kaukasus heißt das Buch, das die beiden im Reise-Know-How-Verlag veröffentlicht haben. Viele ihrer Beobachtungen sind richtig, da läuft einiges schief in einer Region, die erst vor wenigen Jahren aus einer andauernden Fremdherrschaft entlassen wurde, die schauen wir etwa nach Arzach sich gerade erst in einem bitteren Krieg aus einer doppelten Fremdherrschaft hat befreien müssen. Wundern wir uns also, dass hier noch nicht alles so funktioniert wie, beispielsweise, im Stuttgarter Ländle! Korruption, Bildungsarmut, Not und Hunger, ein historisches Trauma, soziale Isolation: Ohne Ende ließen sich weitere Gründe herleiten, warum die Kaukasusländer und warum speziell Armenien, auf das die Autoren sich vor allem eingeschossen haben, so sind wie sie sind. Aber daran sind die Autoren nicht interessiert. Sie wollen gerade nicht erklären, sie wollen denunzieren. Und sie haben dabei keine Hemmungen, ihre Freunde (ihre Freundinnen, denn Freunde hat Ute Friesen unter den kaukasischen Machos nicht finden können) zu verraten. Sie benutzen die Meris, Anahits und wie sie heißen, als Vorwand für teils abstruse Sichtweisen. Und sie haben immer nur EINE Sichtweise. Wenn ich den abgemagerten Straßenköter betrachte, der seine Jungen unter einem Busch zur Welt bringen muss, ist das ein Zeichen von mangelnder Tierliebe. Ja. Aber was ist die aus Pappe improvisierte Hundehütte, die Anwohner bauen, und was ist das Fressnapf, das jeden Tag mit Essensresten aufgefüllt wird? Ein Beispiel aus dem Reisebuch: Witwen sind, so haben die beiden Autoren beobachtet, Nutten. Aber selbst wenn es so wäre, was so nicht ist: Welche Not steckt wohl dahinter, wenn eine Frau den Schutz der Familie verliert und nur in der Prostitution überleben kann?
Ich bin sehr dafür, auch die negativen, die schockierenden, die unverständlichen, die frustrierenden Aspekte eines fremden Landes zu benennen. Gerade, wenn es um interkulturelle Anleitungen geht. Aber dann gehört dazu auch, hinein zu horchen in dieses Land, wenigstens den Versuch zu machen, zu verstehen, was mir aufstößt. Mit der Arroganz des reichen Onkels aus dem Westen aufzutreten, wie es hier empfohlen wird, mag sehr komfortabel sein. Es bringt mich dem Land und den Menschen nicht einen Schritt näher. Wer so reist, erlebt überall seinen Kulturschock, er wird nie erleben, dass eine Reise in eine unbekannte Welt neben fremdem Essen auch neue Horizonte kreiert. Ich muss ein Land nicht lieben, in das ich reise, vielleicht sogar reisen muss. Aber verachten sollte ich das Land und seine Menschen eben auch nicht, jeder Aufenthalt würde so zur Qual. Meine Erfahrung ist, dass oft Humor hilft, in fremden Situationen klar zu kommen, mit Menschen besser zu kommunizieren, offen zu sein und offene Begegnungen zu erleben. Friesen/Würmli haben ihren Humor vor der Abreise sorgsam mumifiziert. Es ist nicht als Witz gemeint, dass alle armenischen Männer bis mittags schlafen und dass alle Frauen auch auf matschigen Waldpfaden schnabelförmige Highheels tragen! Ich habe so etwas auch gesehen, aber ich durfte darüber spotten, und am meisten haben die Frauen selbst über sich gelacht.
Auch wenn alle Beobachtungen der beiden Autoren zutreffend wären, auch wenn viele dieser Beobachtungen reale und bedenkenswerte Einblicke in eine sehr schwierige Gegenwart Armeniens, Aserbaidachans und Georgiens gewähren vielleicht sollte ein Autorenpaar sich zweimal überlegen, ein interkulturellen Handbuch über eine Region zu schreiben, die es in so kurzer Zeit in so hohem Maße in den Frust getrieben hat. Leiden unter einem nachhaltigen Kulturschock? Kein guter Ratgeber für ein Buch über den Kulturschock.
Jochen Mangelsen
Bremen, 4.9.2006