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1.0 von 5 Sternen
Etikettenschwindel, 9. September 2002
Ich möchte nicht verhehlen, dass mich der Kulturschock schon beim Lesen des Büchleins von Rainer Krack überkam. Da ich mich mit dieser Einschätzung nicht im Fahrwasser seiner überschwänglichen Fangemeinde befinde, möchte ich das etwas ausführlicher begründen. Allein auf den ersten 35 Seiten bedient Krack unzählige eurozentrische Vorurteile, die so ein Buch eigentlich überwinden helfen soll: Beispiele?: "Die Religion durchdringt jeden Aspekt indischen Lebens" (S. 11) "Der (sic!) Inder begreift jedes Naturereignis...als Ausdruck des Willen Gottes" (:11). „Allzu leicht werden augenblickliche Zustände den Folgen früherer Leben angelastet...Man ergibt sich dem Fatalismus. Diese Haltung hat den Inder...." (:12). Kapitel-Titel: Der Aberglaube: „Logischerweise ist der Aberglaube sehr eng mit dem Bildungsgrad der Bevölkerung verknüpft, und daher ist der Dorfbewohner viel anfälliger für magische Riten als ein Stadtmensch" (:18) .. Der indische Stadtmensch ist der Magie selbstverständlicherweise weit weniger zugetan als der Dörfler... (:21) „Noch heute hegen die Inder einen ausgeprägten Farbenkomplex ... Der Anblick eines schwarzen Gesichts erfüllt ihn (den Inder!, ms) mit extremem Unbehagen" (:24).Die Großfamilie gibt Geborgenheit von der Wiege bis zum Scheiterhaufen" (:32) „...haben Psychologen herausgefunden , daß es eine überdurchschnittliche Rate von Impotenz unter Männern gibt, die in engsten Behausungen von Großfamilien wohnen. Die Raumnot wird zum quälenden Liebestöter...: Mehr als 5 Minuten sollten es (für den Liebesakt, ms) nicht sein, denn der Opa hat ja so einen leichten Schlaf, und Oma schläft eh den ganzen Tag und kriegt nachts dafür kein Auge zu..."(:34). Die Großfamilie macht den Inder zeitlebens zu einem ‚Herdentier', das sich immer nach der Wärme einer ihn aufsaugenden Gruppe sehnt. Anders als der Westmensch blüht er im Gruppenverband auf... (:35). Als wäre das nicht genug, zieren Zitate des Abbé Dubois die meisten Kapitel. Dessen Buch führt Krack als "eine Art Kulturschock-Band des frühen 19. Jahrhunderts" ein, seine teilweise kulturfeindlichen Aussprüche lässt er unkommentiert stehen. Dadurch werden Vorurteile nicht hinterfragt sondern bestenfalls zementiert. Auch eingestreute reißerische Zeitungsausrisse (Motto: "Ritualmöder verhaftet", "Priesterin trank Kinderblut", "Mutter mit Axt erschlagen um Göttin zu besänftigen", alles auf Seite 20) werden ausschließlich mit der Bemerkung kommentiert: "Indien ist ein Land, in dem das 'Moderne' unlösbar mit der Tradition - in diesem Falle dem Aberglauben - verschmolzen ist" (:21). Das grenzt an Rassismus. Zu Sex, "dem großen Tabu" (:45) fällt dem Indienkenner unter anderem folgendes ein: "Der junge Inder weiß zunächst einmal nichts" (vom Sex, ms)..... der Inder fürchtet permanent um seine Lebenskraft.." - und er bekräftigt seine Pauschalierungen mit "beliebig herausgegriffenen" (sic!: 47) Annoncen aus einem hindi-sprachigen Magazin.Fazit: Das Buch ist eins der best platzierten bei Amazon zu Indien. Es ist auch eins der schlechtesten. Es gibt nicht den Inder (als Kategorie), so wie es nicht den Deutschen gibt. Ersetzen Sie einmal alle pauschalierenden und generalisierenden Zitate in diesem Buch über "den" Inder durch "den Deutschen", und stellen Sie sich vor, ein Inder würde so über uns Deutsche schreiben. Inder sind keine Herdentiere, auch nicht, wenn man sie in Gänsefüßchen setzt, der Inder an sich (als "Rassenmitglied", als "Vertreter einer Nation"...?) hat keinen "Farben-Komplex". Der indische Dorfbewohner ist nicht qua Kategorie abergläubischer als der Stadtbewohner, abgesehen davon, dass Aberglaube eine herabwürdigende Aussage von Vertretern christlich-westlicher Kultur darstellt. Das Buch mag gut gemeint sein, aber manchmal ist das Gegenteil von gut eben gut gemeint. Dass hinter dem Autor ein Indologe steckt, der Hindi spricht, angeblich unerforschte Adivasisprachen studiert und auf über 20 Jahre Indienerfahrung zurückblickt, ist nach Lektüre des Buches kaum zu glauben, zumindest aber nicht zu fassen. Das Buch thematisiert und reflektiert - im Gegensatz zu der englischsprachigen cultureShock-Reihe, die dem Thema teilweise ein ganzes Kapitel widmet - explizit überhaupt nicht den "Kulturschock" (weder die reichhaltige Theorie dazu, noch die Praxis). Es gibt keinerlei praxistaugliche Hinweise vom Umgang und der Verarbeitung von Kulturschockerfahrungen, bzw. wie man sich auf sie vorbereiten könnte. Das Buch handelt nicht vom Kulturschock Indien, es ist einer. Es betreibt Etikettenschwindel und ist für alle, die sich um einen Dialog der Kulturen bemühen kontraproduktiv, weil es kulturelle Vorurteile, Ethnozentrismen und Exotismen bedient, anstatt sie zu hinterfragen oder gar aufzulösen. Das es auch ganz anders geht, beweisen Sie z.B. in dem hervorragenden Vietnam Buch von Monika Heyder, das von der ersten Seite an kultursensibel und differenziert vorgeht (z.B. bzgl. des Problem des westlichen Alternativ-Denkens und westlicher Kategorien).
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