Die erste Reaktion auf das Thema Kulturschock Australien ist zumeist: Dort gibt es doch kaum Unterschiede zu Europa! Sicherlich, die Geschichte ist eine andere als die der europäischen Länder aber ihre Bewohner kommen schließlich mehrheitlich aus Europa und das kennt man ja. Was aber wissen wir wirklich von dem Land, das die Aussies selbst als the lucky country (das glückliche Land) mit dem begehrtesten Reisepass der Welt bezeichnen, wo es viel Platz für alle im tolerant multikulturellen Mix gibt, wo die Bewohner in ihrem Glauben an eine faire Chance für jedermann nett und umgänglich sind, wo man einen relaxten Lebensstil führt und die Sonne ewig scheint? Kommt Australien wirklich gleich nach dem Paradies?
Bei Touristen steht Australien spätestens seit den Olympischen Spielen 2000 ganz hoch im Kurs. Viele junge Deutsche bleiben mit dem Working Holiday Visa (Arbeits- und Urlaubsvisum) gleich ein Jahr zum Arbeiten und Reisen in Australien. Und nicht zuletzt stand und steht die Destination Australien ganz oben auf der Liste der Auswanderungswilligen, auch in Mitteleuropa. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Auswanderer oftmals auf dieses Abenteuer einlassen, ohne jemals zuvor in Australien als Tourist gewesen zu sein. Alle oben genannten Pluspunkte, über die man etwas im Fernsehen gesehen, in Büchern gelesen oder einfach nur gehört hat, zusammen mit den besseren Arbeitschancen in der seit den 1990er Jahren so richtig boomenden australischen Wirtschaft, locken neue Auswanderer aus den wirtschaftlich kränkelnden Ländern an wie der Gesang der Sirenen an der Lorelei. Nur wenige zerschellen an den Hürden der Umstellungen und kehren zurück nach Europa, aber so ziemlich jeder erlebt!
einen schmerzhaften Kulturschock. Das fällt den Touristen, die nur zwei Wochen im Land sind, natürlich weniger auf als denen, die viel länger in Australien bleiben und tiefer gehende Kontakte zu Aussies aufbauen (wollen).
In einer anderen Kultur zu reisen oder gar zu leben, ist mehr, als sich nur in einer anderen Sprache zu artikulieren und dort eventuell einer Beschäftigung innerhalb der Gesellschaft nachzugehen. Das Wertesystem mit all den Regeln für Richtig und Falsch, Gut und Schlecht, der gesamte Katalog an Definitionen, die durch das Leben geleiten, muss neu erlernt werden. Das altbekannte Wertesystem, das man von Geburt an erworben hat, passt nur allzu oft nicht, man stößt bei sich und bei anderen auf Unverständnis und Missverständnisse, die den persönlichen Kontakt weitaus schwieriger machen, als ein neues Paar Schuhe einzulaufen. Die in den internationalen Medien gern zitierten für den Menschen tödlichen Tierarten Australiens sind hier das geringste Problem, daran gewöhnt man sich in null Komma nichts. Schwieriger ist es hingegen, sich ein australisch gelassenes Savoir-vivre anzueignen, denn da geht es gerade den Deutschsprachigen oft wie den Workaholics, die in Rente gehen sollen: !
Ihnen fällt es schwer, ihr Tempo herunterzuschrauben.
Gewöhnt an die Bedeutung von Statussymbolen und Standesunterschieden, wird man leicht zum Opfer des tall poppy syndrome (Syndrom der hoch gewachsenen Mohnblumen), bei dem die Erfolgreichen mit Verachtung und Kritik zurechtgestutzt werden, bis sie wieder auf den Teppich kommen und sich somit die herausragende Mohnblume wieder in die Masse des Mohnblumenfeldes einreiht. Das genaue Gegenteil wird mit dem Aussie battler (australischer Kämpfer) gemacht, denn dem, der es schon schwer hat, muss geholfen werden, damit er auf den gleichen grünen Zweig kommt. Alles in allem also eigentlich ein wahrhaft sozialistisches Konzept mit besonderer australischer Ausprägung. Die Schattenseiten bekommen all diejenigen zu spüren, die sich gerne in individualistischer Extrovertiertheit baden, denn in einer so egalitaristischen Gesellschaft wie der australischen ist dies nicht gern gesehen. Die individualistischen Deutschsprachigen gelten somit nur allzu schnell als arrogant. Wer als Tourist als tall poppy auftritt, wird einfach links liegen gelassen und ein persönlicher Kontakt kommt gar nicht erst zustande, während derjenige, der wie ein deutschsprachiger battler wirkt, sogar auf seiner kurzen Reise schon Freunde fürs Leben finden kann.
Soziale Verhaltensweisen müssen neu erlernt werden, will man den Kulturschock abmildern, und dazu muss man die kulturhistorische Essenz der australischen Gesellschaft zunächst einmal tiefer gehend ergründen. Dieses Buch soll Ihnen daher Einblicke in die Bandbreite der australischen Psyche mit ihren Wurzeln und Auswirkungen eröffnen, die in der Touristikwerbung und in den Nachrichten nicht dargelegt werden. Es greift zunächst die wichtigsten Meilensteine der australischen Geschichte auf, damit die Gründe für bestimmte Verhaltensweisen und Entscheidungen nachvollziehbar werden. Die natürlichen Gegebenheiten des riesigen Kontinents werden näher beleuchtet, um zu illustrieren, was dem Land bereits genommen wurde und was es in Zukunft noch bieten kann, denn bei allem Optimismus ist ein endloses Bevölkerungswachstum und eine Agrarindustrie der alten Schule nicht tragbar für das empfindliche Ökosystem auf dem trockensten Kontinent der Erde. In den letzten drei Hauptkapiteln wird schließlich gezeigt, wer die Aussies sind, wie sie heute leben und welche Regeln man im Umgang mit ihnen als Gast beherzigen sollte. Dieses Buch kann daher ganz besonders dem potenziellen Auswanderer eine Hilfe sein bei der gefühlsmäßigen Vorbereitung auf das Traumland Australien. Und für den touristischen Besucher gilt, je mehr er in die Hintergründe eintaucht, desto erlebnisreicher und intensiver wird die Erkundung Australiens, welches tatsächlich ein Paradies sein kann wenn man bereit ist, sich auf diese neue Welt einzulassen.
Elfi H. M. Gilissen