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Die Kultur der Lüge (edition suhrkamp)
 
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Die Kultur der Lüge (edition suhrkamp) [Taschenbuch]

Dubravka Ugreic , Barbara Antkowiak
3.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 303 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (23. September 1995)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 351811963X
  • ISBN-13: 978-3518119631
  • Größe und/oder Gewicht: 17,6 x 11,1 x 1,7 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 205.799 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Banalität des Bösen

Dubravka Ugrešics Essayband «Die Kultur der Lüge»

Absurd und ärgerlich: Während Peter Handkes verunglückter serbischer Reisebericht rundum aufwendig diskutiert wird, gehen andere Bücher zum Thema, die kompetent, engagiert und aufklärerisch sind, sträflich unter. Ein konkretes Beispiel: der Essayband «Die Kultur der Lüge» der zurzeit in den USA lebenden kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugrešic. Wer Ugrešics «My American Fictionary» (dt. 1994) gelesen hat, weiss um die überragenden Qualitäten dieser Autorin: um ihr unbestechliches Urteil, ihre polemische Schärfe, ihr poetisches Flair, ihren sarkastischen Witz.

All diese Charakteristika finden sich auch in den zwischen 1991 und 1994 entstandenen Essays zur desolaten Lage Ex-Jugoslawiens – zu nationalistischer Verblendung und kollektiver Amnesie, zu Geschichtsklitterung und Krieg, zu kulturellem Autismus und Exil, zu Folklorekitsch und Lügenpropaganda. Unbarmherzig geht Ugrešic mit Tudjmans «Demokratur» (demokratischer Diktatur) ins Gericht, wo Unbotmässigen wie ihr der «Hexenprozess» gemacht wird. Doch nicht minder harsch ist ihre Kritik am serbischen Neofaschismus. Und zwar im Zeichen der Scham, um die sich gerade ex-jugoslawische Schriftsteller so erfolgreich drücken. «In einer Zeit des Designings und Redesignings ist kein Platz für SCHAM», konstatiert Ugrešic. Selber aber empfindet sie ebendas: Scham – und Ohnmacht.

Die Thematisierung dieser prekären Befindlichkeit (etwa im Essay «Granatsplitter und Bücher», 1994) spekuliert nicht auf persönliche Entlastung, vielmehr gehört sie zu den Prämissen des Buches: «Was den Ex-Jugo-Schriftsteller (. . .) am tiefsten schmerzt, (. . .) ist der Krieg. Er, der mit Worten umgeht, weil er nichts anderes kann, ist diesmal in der äussersten Falle gefangen. Alles, was er schreibt, erscheint ihm plötzlich unangebracht. Wenn er in seiner Erschütterung über die Schrecken des Krieges über den Krieg schreibt, wird sein Text sofort zur Pornographie des Unglücks. Wenn er in seiner Naivität glaubt, sein Wort könne Menschenleben retten, wird der Protest auf dem Papier zum blassen Pamphlet. Der authentische Bericht eines anonymen Opfers hat weit höheren menschlichen und literarischen Wert. Über den Krieg selbst zu schreiben erscheint ihm unmöglich, weil das (er hatte es fast vergessen) auch fast nicht möglich ist. Aber Schweigen ist noch schlimmer. Der ex-jugoslawische Schriftsteller, wenn er wirklich ein Schriftsteller ist, empfindet zum erstenmal echte menschliche und schriftstellerische Ohnmacht.»

Indes leistet Ugrešic Erstaunliches. Ihr Mut, die ideologischen Voraussetzungen, die Begleiterscheinungen und Auswüchse des Krieges – und allgemeiner des jugoslawischen Debakels – à fond zu analysieren, sucht seinesgleichen und stellt sie in die Reihe so unerschrockener Vorbilder wie Krleza, Kiš, Konrád und Kundera. Dass sie mehr Witz – und sogar mehr Unverfrorenheit – als diese an den Tag legt, darf den Leser freuen. An pointierten Urteilen jedenfalls fehlt es Ugrešic nicht. «Die Schuld am Krieg im ehemaligen Jugoslawien, wie übrigens an jedem Krieg, tragen Männer. Männer haben ihn geplant und ausgelöst, Männer tun dabei mit.» Und um diesen Befund zu untermauern, entlarvt Ugrešic den Jugo-Machismo mit seiner Rhetorik und Symbolik, mit seinen Stereotypen und Atavismen, mit seiner perfiden Diskriminierung der Frau («Wir sind Jungs», 1993). Ihr Insider-Blick ist gnadenlos. Männer auch sind es, Schriftsteller, die sich dazu hergeben, «Sprecher und Verkünder der (richtigen!) politischen Wahrheit, Wahrsager und Führer, Volkssänger und Heiler, Schilderer des ‹nationalen Wesens›, Verteidiger der ‹nationalen Substanz›, ‹geistige Erneuerer›» zu sein. In der Tat: Welche Frau gäbe sich dazu her?

Skepsis gegenüber der grossen Allüre, der welterlösenden Geste ist Ugrešic genuin. Ausserdem verfügt sie über einen erfrischenden Common sense, der sie mehr mit anglo-amerikanischen Kollegen als mit ihren Landsleuten eint. Überhaupt: Dubravka Ugrešic fehlen alle Attribute des von ihr mit OES apostrophierten «osteuropäischen Schriftstellers», sprich: Selbstmitleid, Minderwertigkeitsgefühl, Selbstzensur, die Erfahrung des homo duplex. Ihr Denken atmet Weite und reagiert übersensibel auf jeden Regress in stickige Provinzialität. Einen solchen moniert sie in den neuen Nationalstaaten. «Die kulturellen Zentren des ehemaligen Jugoslawien sind in dumpfen Autismus versunken, die Luft dort ist schwer nicht nur vom aggressiven Unglück, sondern auch von der Aggression der Dummheit und Banalität, die ‹unzerstörbar ist wie eine Plasticflasche› (Kiš).»

Beispiele liefert Ugrešic zuhauf. Sie zitiert Journalisten und Generäle, Werbeslogans und Propagandaparolen, den Mann aus dem Volke und den Präsidenten höchstpersönlich. Sie erzählt wahre Anekdoten und tragische Geschichten (von Verletzungen, Vergewaltigungen, Vertreibungen). Sie demontiert die Balkan-Klischees und isoliert jenen Volksmusikvirus, der jedes Denken lahmlegt. Sie denunziert die Kriegsstrategen, Spekulanten, Profiteure und Mörder, unter ihnen den Psychiater-Lyriker Radovan Karadzic. Sie zeigt, wie der Wahnsinn der Realität zur Soap-opera verkommt und der Identitätsbegriff sich auflöst. Sie reflektiert über den «Terror des Erinnerns» und den «Terror des Vergessens», über nationale Megalomanie, Heroisierung, Mythisierung und Lüge. Mithin über die Banalität des Bösen.

Der Ton der Essays ist scharf und ironisch, Witz erscheint nicht selten als Galgenhumor. Dubravka Ugrešic, die früher kunstvolle Romane und Erzählungen schrieb, hat sich – dem Gebot der Stunde gehorchend – zum homo politicus im Sinne von György Konráds «Antipolitik» gewandelt. («Antipolitik ist die Fähigkeit, sich zu wundern, die Dinge eigenartig, grotesk, ja unmöglich zu finden. Man erkennt, dass man ein Opfer ist, es aber nicht sein will.»)

Ihr einzelkämpferisches Engagement ist respektheischend. Mehrere der Essays sind zuvor schon in wichtigen europäischen Zeitungen und Zeitschriften wie «Lettre Internationale», «Die Zeit», «Les Temps Modernes» oder «The Times Literary Supplement» erschienen. Doch ob sie auch wirklich aufgenommen wurden – und werden? Geht es darin doch nicht nur um Jugoslawien, sondern um Europa schlechthin. «Europa ist in Sarajewo gestorben», zitiert Ugrešic den schönen und traurigen Slogan. Und stellt mit bitterer Ironie fest: «Die unberechenbare Wirklichkeit hat den Europäern am Ende des Jahrhunderts ein überraschendes kollektives psychotherapeutisches Geschenk dargebracht: die Live-Wiederholung der historischen Albträume. Die Live-Show, der Krieg in Bosnien, beschleunigt den kollektiven Metabolismus, läutert moralische und intellektuelle Standpunkte, lässt vergessene Traumata aufleben, regt zur Neuinterpretation an. Der Krieg in Bosnien ist eine kollektive therapeutische Séance, ein grandioses Spektakel virtueller Realität, eine lebende Halluzination, eine Begegnung mit dem vergessenen Bösen.»

Das Fazit ist desolat für alle, das steht längst fest. Man mag die Tatsache einfach hinnehmen oder ernsthaft Gewissenserforschung betreiben. Dann bitte mit Dubravka Ugrešics schonungslosem Essayband. Er enthält nicht zuletzt ein «Abc des Exils».

Ilma Rakusa

Kurzbeschreibung

Die Kultur der Lüge entstand als Reaktion auf den Zerfall Jugoslawiens, auf den unseligen Krieg in Kroatien wie in Bosnien. Die Essays analysieren, was in Ex-Jugoslawien geschieht: Aggression gegen den eigenen "Bruder"; künstlich herbeigeführte Amnesie; Rekurs auf nationalfaschistische Ideologien; Propaganda und Zensur; Folklorekitsch als Kultur der Lüge; Schriftsteller und Intellektuelle im Strudel des Nationalismus.

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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
Es gibt viele Bücher über den Zerfall Jugoslawiens und den Verfall jugoslawischer Kultur. Meistens wird diese versunkene "Yugo" Kultur in die "diktatorische, titoistische" Enge getrieben, so dass sich zumindestens über diese Ebene neuenstandene Banana Republiken (Bosnien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Mazedonien) rechtfertigen können. All diese neuentstandenen s.g. "unabhängigen" Länder sind politische Invaliden, die ohne Kopf, Hände oder Beine auf der Weltbühne hilflos wie ein Huhn ohne Kopf herumhüpfen. Und obwohl sich alle diese Länder voller falscher Stolz brüsten, (der allerdings von einer verlogenen und in keiner Weise aufarbeitenden Vergangenheit herrührt), handelt es sich in Wirklichkeit um ernsthafte schwere politische Patienten, die an Lebenserhaltungssystemen künstlich von der EU beatmet werden. Last Exit - EU, denn EU ist wirklich die letzte Chance für all diese Länder nach dem blutigen Nonsense Krieg um die eigene Identität, wo eigentlich jede Identität längst verloren gegangen ist. Frau Ugresic hat genau den Kern der Problematik getroffen und es ist kein Wunder, dass es einige hier nicht verstehen wollen. Der Jugoslawien Krieg war ein nationalistischer Plünderungskrieg. Diejenigen, die das meiste geplündert haben, sind heute an der Macht und zwar genau so "diktatorisch" und lobbyistisch wie in den Zeiten von Tito. Die Lüge vom "heiligen" Krieg, im Namen von nationaler Freiheit und Gerechtigkeit, ist "Opium für das Volk" wie Mao Tse-tung schon sagte.
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15 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Enttäuschung 14. April 2005
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Ich habe hohe Erwartungen in dieses Buch gesetzt und wurde bitter enttäuscht. Ohne Frage vom Ausdruck her eine Meisterleistung, doch inhaltlich eine wirkliche Enttäuschung. Es wird das Gefühl einer immerherrschenden Utopie eines kleinen Staates vermittelt, der im Grunde keine Ahnung über sich selbst hat, wobei die Wahrheit doch ziehmlich entgleitet und wirr herausgezogene geschichtliche Daten und Fakten ins falsche LIcht gerückt werden. Auf Grund meiner Arbeit musste ich mich mit dem Thema "Jugoslawien", Kroatien und "Balkankrieg" außeinander setzten und hoffte in diesem Buch noch einige Interessante Aspekte zu finden. Statt dessen fand ich die Ansicht einer Frau die offensichtlich nicht gut genug über die politischen und historischen Geschehnisse ihres eigenen Landes bescheid weiß und wirre Hypothesen aufstellt. Dubravka Ugresic gibt veraltete und unter dem Kommunistischem Regime auferlegte Thesen von sich, die seit Jahren nicht mehr eintreffen.
Ich kann nur von diesem Buch abraten.
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