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Dubravka Ugreics Essayband «Die Kultur der Lüge»
Absurd und ärgerlich: Während Peter Handkes verunglückter serbischer Reisebericht rundum aufwendig diskutiert wird, gehen andere Bücher zum Thema, die kompetent, engagiert und aufklärerisch sind, sträflich unter. Ein konkretes Beispiel: der Essayband «Die Kultur der Lüge» der zurzeit in den USA lebenden kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugreic. Wer Ugreics «My American Fictionary» (dt. 1994) gelesen hat, weiss um die überragenden Qualitäten dieser Autorin: um ihr unbestechliches Urteil, ihre polemische Schärfe, ihr poetisches Flair, ihren sarkastischen Witz.
All diese Charakteristika finden sich auch in den zwischen 1991 und 1994 entstandenen Essays zur desolaten Lage Ex-Jugoslawiens zu nationalistischer Verblendung und kollektiver Amnesie, zu Geschichtsklitterung und Krieg, zu kulturellem Autismus und Exil, zu Folklorekitsch und Lügenpropaganda. Unbarmherzig geht Ugreic mit Tudjmans «Demokratur» (demokratischer Diktatur) ins Gericht, wo Unbotmässigen wie ihr der «Hexenprozess» gemacht wird. Doch nicht minder harsch ist ihre Kritik am serbischen Neofaschismus. Und zwar im Zeichen der Scham, um die sich gerade ex-jugoslawische Schriftsteller so erfolgreich drücken. «In einer Zeit des Designings und Redesignings ist kein Platz für SCHAM», konstatiert Ugreic. Selber aber empfindet sie ebendas: Scham und Ohnmacht.
Die Thematisierung dieser prekären Befindlichkeit (etwa im Essay «Granatsplitter und Bücher», 1994) spekuliert nicht auf persönliche Entlastung, vielmehr gehört sie zu den Prämissen des Buches: «Was den Ex-Jugo-Schriftsteller (. . .) am tiefsten schmerzt, (. . .) ist der Krieg. Er, der mit Worten umgeht, weil er nichts anderes kann, ist diesmal in der äussersten Falle gefangen. Alles, was er schreibt, erscheint ihm plötzlich unangebracht. Wenn er in seiner Erschütterung über die Schrecken des Krieges über den Krieg schreibt, wird sein Text sofort zur Pornographie des Unglücks. Wenn er in seiner Naivität glaubt, sein Wort könne Menschenleben retten, wird der Protest auf dem Papier zum blassen Pamphlet. Der authentische Bericht eines anonymen Opfers hat weit höheren menschlichen und literarischen Wert. Über den Krieg selbst zu schreiben erscheint ihm unmöglich, weil das (er hatte es fast vergessen) auch fast nicht möglich ist. Aber Schweigen ist noch schlimmer. Der ex-jugoslawische Schriftsteller, wenn er wirklich ein Schriftsteller ist, empfindet zum erstenmal echte menschliche und schriftstellerische Ohnmacht.»
Indes leistet Ugreic Erstaunliches. Ihr Mut, die ideologischen Voraussetzungen, die Begleiterscheinungen und Auswüchse des Krieges und allgemeiner des jugoslawischen Debakels à fond zu analysieren, sucht seinesgleichen und stellt sie in die Reihe so unerschrockener Vorbilder wie Krleza, Ki, Konrád und Kundera. Dass sie mehr Witz und sogar mehr Unverfrorenheit als diese an den Tag legt, darf den Leser freuen. An pointierten Urteilen jedenfalls fehlt es Ugreic nicht. «Die Schuld am Krieg im ehemaligen Jugoslawien, wie übrigens an jedem Krieg, tragen Männer. Männer haben ihn geplant und ausgelöst, Männer tun dabei mit.» Und um diesen Befund zu untermauern, entlarvt Ugreic den Jugo-Machismo mit seiner Rhetorik und Symbolik, mit seinen Stereotypen und Atavismen, mit seiner perfiden Diskriminierung der Frau («Wir sind Jungs», 1993). Ihr Insider-Blick ist gnadenlos. Männer auch sind es, Schriftsteller, die sich dazu hergeben, «Sprecher und Verkünder der (richtigen!) politischen Wahrheit, Wahrsager und Führer, Volkssänger und Heiler, Schilderer des nationalen Wesens, Verteidiger der nationalen Substanz, geistige Erneuerer» zu sein. In der Tat: Welche Frau gäbe sich dazu her?
Skepsis gegenüber der grossen Allüre, der welterlösenden Geste ist Ugreic genuin. Ausserdem verfügt sie über einen erfrischenden Common sense, der sie mehr mit anglo-amerikanischen Kollegen als mit ihren Landsleuten eint. Überhaupt: Dubravka Ugreic fehlen alle Attribute des von ihr mit OES apostrophierten «osteuropäischen Schriftstellers», sprich: Selbstmitleid, Minderwertigkeitsgefühl, Selbstzensur, die Erfahrung des homo duplex. Ihr Denken atmet Weite und reagiert übersensibel auf jeden Regress in stickige Provinzialität. Einen solchen moniert sie in den neuen Nationalstaaten. «Die kulturellen Zentren des ehemaligen Jugoslawien sind in dumpfen Autismus versunken, die Luft dort ist schwer nicht nur vom aggressiven Unglück, sondern auch von der Aggression der Dummheit und Banalität, die unzerstörbar ist wie eine Plasticflasche (Ki).»
Beispiele liefert Ugreic zuhauf. Sie zitiert Journalisten und Generäle, Werbeslogans und Propagandaparolen, den Mann aus dem Volke und den Präsidenten höchstpersönlich. Sie erzählt wahre Anekdoten und tragische Geschichten (von Verletzungen, Vergewaltigungen, Vertreibungen). Sie demontiert die Balkan-Klischees und isoliert jenen Volksmusikvirus, der jedes Denken lahmlegt. Sie denunziert die Kriegsstrategen, Spekulanten, Profiteure und Mörder, unter ihnen den Psychiater-Lyriker Radovan Karadzic. Sie zeigt, wie der Wahnsinn der Realität zur Soap-opera verkommt und der Identitätsbegriff sich auflöst. Sie reflektiert über den «Terror des Erinnerns» und den «Terror des Vergessens», über nationale Megalomanie, Heroisierung, Mythisierung und Lüge. Mithin über die Banalität des Bösen.
Der Ton der Essays ist scharf und ironisch, Witz erscheint nicht selten als Galgenhumor. Dubravka Ugreic, die früher kunstvolle Romane und Erzählungen schrieb, hat sich dem Gebot der Stunde gehorchend zum homo politicus im Sinne von György Konráds «Antipolitik» gewandelt. («Antipolitik ist die Fähigkeit, sich zu wundern, die Dinge eigenartig, grotesk, ja unmöglich zu finden. Man erkennt, dass man ein Opfer ist, es aber nicht sein will.»)
Ihr einzelkämpferisches Engagement ist respektheischend. Mehrere der Essays sind zuvor schon in wichtigen europäischen Zeitungen und Zeitschriften wie «Lettre Internationale», «Die Zeit», «Les Temps Modernes» oder «The Times Literary Supplement» erschienen. Doch ob sie auch wirklich aufgenommen wurden und werden? Geht es darin doch nicht nur um Jugoslawien, sondern um Europa schlechthin. «Europa ist in Sarajewo gestorben», zitiert Ugreic den schönen und traurigen Slogan. Und stellt mit bitterer Ironie fest: «Die unberechenbare Wirklichkeit hat den Europäern am Ende des Jahrhunderts ein überraschendes kollektives psychotherapeutisches Geschenk dargebracht: die Live-Wiederholung der historischen Albträume. Die Live-Show, der Krieg in Bosnien, beschleunigt den kollektiven Metabolismus, läutert moralische und intellektuelle Standpunkte, lässt vergessene Traumata aufleben, regt zur Neuinterpretation an. Der Krieg in Bosnien ist eine kollektive therapeutische Séance, ein grandioses Spektakel virtueller Realität, eine lebende Halluzination, eine Begegnung mit dem vergessenen Bösen.»
Das Fazit ist desolat für alle, das steht längst fest. Man mag die Tatsache einfach hinnehmen oder ernsthaft Gewissenserforschung betreiben. Dann bitte mit Dubravka Ugreics schonungslosem Essayband. Er enthält nicht zuletzt ein «Abc des Exils».
Ilma Rakusa
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