Es scheint außer Frage, dass Kultur und damit auch die Kulturwissenschaften in all ihren Facetten im 21. Jahrhundert sowohl in privaten als auch beruflichen Kontexten eine neue Phase der Hochkonjunktur nach sich ziehen. 'Nach 16 Jahren eine 4. Auflage zu erleben, ist höchstens Einführungen und Lehrbüchern vergönnt' (2011:7), dies schreibt der renommierte und bekannte Passauer Professor und Kulturwissenschaftler Klaus P. Hansen hierzu in seinem Vorwort zu diesem Band.
Sehr gute Gründe für die vorliegende, in weiten Teilen vollständig überarbeitete Publikation gibt es viele. Hervorzuheben sind dabei insbesondere die Komplexität von Globalisierungsprozessen und damit die Entstehung von transnationalen Räumen im Rahmen der gesellschaftlichen Veränderungen. Diese wurden durch Migrationsentwicklungen, Demografie, Mergers in der Wirtschaft oder auch durch die Entstehung von Social Networks im Internet während der letzten Jahre maßgeblich begünstigt.
Die skizzierten Kontexte bleiben somit nicht ohne Folgen für unser Kulturverständnis, denn damit verbunden ist gleichsam ein Wandel weg von statischen, homogenisierenden und in sich abgeschlossenen Kulturmodellen hin zu offenen, dynamischen netzwerkorientierten Kulturkonzepten (Bolten 2007:45ff.) Diesen Ausgangsbedingungen trägt Klaus P. Hansen in seiner Auseinandersetzung mit dem neuen Kulturbegriff und der zugrundeliegenden Kulturwissenschaft in vollem Umfang Rechnung und veranschaulicht diese in angemessener Weise. Dabei bricht er das nationalstaatliche Denken ganz bewusst auf, ohne jedoch nationalkulturelle Aspekte komplett in Frage zu stellen. Basierend auf der Kohärenzproblematik (Rathje 2009:83ff.) und der bis heute gängigen Ethnisierung des Kulturbegriffs setzt sich der Autor kritisch mit den klassischen Kulturdimensionen-Modellen, Kulturstandardsierungen und
den daraus resultierenden Wertephilosophien auseinander.
Da in komplexen Kollektiven als multikulturelle Konstrukte keine Einheit im klassischen Sinne des Kohärenzdenkens möglich ist, stellt Klaus P. Hansen bewusst die Frage nach dem Kulturträger und der Zusammengehörigkeit von Kulturen in den Mittelpunkt seiner Argumentation des komplett überarbeiteten Kollektivteils der vorliegenden Einführung. Nicht der kulturelle Einheitsgedanke, sondern die ausführlich beschriebene 'Multikollektivität' und 'Polykollektivät' und damit verbundene Vielfalt führen letztlich zu einem kohäsiven Zusammenhalt in einer Kultur (Hansen 2011:139ff.). 'Kultur schwebt nicht über den Wassern, sondern wird konkret an Gegenständen angetroffen, die man Kulturträger nennen könnte.' (Hansen 2009a:7).
Das theoretische Gerüst der vierten Auflage basiert daher auf der skizzierten Annahme, dass Kollektive als Kulturträger eine Kultur haben. Das kulturtheoretisch fundierte und nachvollziehbare Konzept der menschlichen Kollektivität speist sich andererseits aus zahlreichen Unterkollektiven, wie zum Beispiel den Team- oder Organisationskulturen.
Die aktuelle Publikation lässt sich inhaltlich in sechs große Abschnitte unterteilen:
Der erste Abschnitt umreißt Kultur als ein Phänomen, das uns alle betrifft. Es geht hierbei in erster Linie um ein Begriffsverständnis der Kultur und Kulturwissenschaft. Im zweiten Kapitel wird das Verhältnis von Kultur und Natur anhand von Beispielen kritisch diskutiert.
Den dritten Schwerpunkt bilden 'Standardisierungen, die in Kollektiven gelten' (Hansen 2011:31ff.) Diese umfassen die Sprache, Aspekte des Denkens, Fühlens und Handelns, die auf den Grundlagen der Institutionentheorie basieren. Im Verlauf des vierten Abschnittes stellt der Autor seine neuen Erkenntnisse der Kollektivforschung vor, die auf der Veröffentlichung
seines vorab erschienenen Buches 'Kultur, Kollektiv,Nation' (Hansen 2009b) basieren. Damit stellt Klaus P.Hansen den bis heute gebräuchlichen und teils unreflektierten Kategorisierungs- und Reduktionsschemata des 20. Jahrhunderts eine neue zeitgemäße Perspektive gegenüber. Diese belegt er im Rahmen seiner Argumentation ausführlich und nachvollziehbar mit anschaulichen Beispielen aus der alltäglichen,lebensweltlichen Praxis.
Bis auf das bewährte Beispiel aus der Tennisclubszene wurde der vierte Schwerpunkt zu Individuum und Kollektiv komplett neu gefasst. Der Leser erhält somit eine fundierte Einführung in relevante Aspekte der Kollektivitätsforschung. Dazu gehören inhaltlich Begriffe wie Dachkollektiv, Multikollektivität, Polykollektivität, Präkollektiviät oder die pankollektive Klammer.
All diese Aspekte sind untereinander vernetzt und machen Kultur und ihre vielfältigen Facetten in ihrer Komplexität erst begreifbar.
Der fünfte Bereich diskutiert die Konsequenzen im Rahmen von Verallgemeinerungen und Pauschalurteilen, die mit der kollektiven Wahrnehmung verbunden sind. Den Abschluss der Einführung bilden philosophie- und sprachgeschichtliche Aspekte zu den Herausforderungen im Umgang und der Realisierung eines angemessenen Kulturverständnisses vor dem Hintergrund der Multi-, Inter- und Transkulturalität. Diese Aspekte leisten darüber hinaus einen Beitrag für ein entsprechendes Sinn- und Selbstverständnis.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass Kollektivität bisher ein zu wenig beachtetes Forschungs- und Praxisfeld im Rahmen der
interkulturellen Kompetenzforschung ist. Mit seinem vorgelegten Band wendet sich der Autor an alle Leserinnen und Leser aus Wissenschaft und Praxis, die sich mit Kultur und Fragen der Kollektivität beschäftigen.
Die Publikation bietet im Zeitalter der Transnationalsierung und Hybridisierung eine hervorragend fundierte theoretische und anwendungsbezogene Grundlage zur praktischen Kultur bzw. Kollektivbeschreibung. Des Weiteren bietet sie die Möglichkeit, die Komplexität der beschriebenen Phänomene und
damit verbundene Aspekte wie Zugehörigkeit oder Ausgeschlossenheit in Gesellschaft und Wirtschaft angemessen analysieren und abbilden zu können.
Darüber hinaus offeriert das Buch eine solide Basis, um für die spezifischen Besonderheiten interkulturellen Handelns und des interkulturellen Kompetenzerwerbs vor dem Hintergrund eines offenen Kulturbegriffs zu sensibilisieren. Der Autor versteht diesen Sachverhalt zu thematisieren, ohne die Komplexität, mit der Kulturverstehen traditionell verbunden ist, unrechtmäßig zu reduzieren. Die besondere Leserfreundlichkeit des Bandes und pointierte Darstellungsweise mit Praxisbezug bleibt in der überarbeiteten Auflage vollständig erhalten.
Rezensiert von Alexandra Stang für Interculture Journal
Literatur
Bolten, J. (2007): Einführung in die interkulturelle Wirtschaftskommunikation. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Hansen, K. P. (2009a): Zulässige und unzulässige Komplexitätsreduktion beim Kulturträger Nation. Interculture Journal 8(8), S. 7-18.
Hansen, K. P. (2009b): Kultur, Kollektiv, Nation. Schriften der Forschungsstelle Grundlagen Kulturwissenschaft. Passau: Karl Stutz Verlag.
Hansen, K. P. (2011): Kultur und Kulturwissenschaft. Tübingen: A. Francke Verlag UTB.
Rathje, S. (2009): Der Kulturbegriff. Ein anwendungsorientierter Vorschlag zur Generalüberholung. In: Moosmüller, A. (Hrsg.): Kulturelle Differenz.
Münchner Beiträge zur Interkulturellen Kommunikation. Münster: Waxmann Verlag, S. 83-106.