Neue Zürcher Zeitung
Sexualität, historisch
rox. Noch 1970 konnte der amerikanische Psychoanalytiker Vern L. Bullough von der Geschichte der Sexualität als einem «jungfräulichen Feld» sprechen. Heute hingegen, davon berichtet Franz X. Eder in seiner eben erschienenen Studie, ist die Kultur der Begierde längst und in namhaften Arbeiten auf ihre historischen Stationen hin befragt worden. Mehr noch: Man könne geradezu von einer «kopernikanischen Wende» in Sachen Sexualitätsgeschichte sprechen, insbesondere seitdem die Historisierung der Sexualität gleichsam zu einem «Vatermord» an Sigmund Freud geführt habe. Denn entgegen den in sie gesetzten Erwartungen habe sich die Freud'sche Theorie als «recht stumpfes Werkzeug» für das unwegsame Terrain der Sexualgeschichte erwiesen. Nachdem in den achtziger und neunziger Jahren Kritik an der essentialistischen Festschreibung des Sexuellen und überhaupt an den Grundlagen der psychoanalytischen Sexualtheorie geübt worden war, seien sich heute die meisten Forscher darüber einig, dass Sexualität selbst Geschichte sei. Eine anschauliche Probe dieser These findet sich etwa im 7. Kapitel des anzuzeigenden Bandes. Da verhandelt Eder die «Politisierung und Medizinierung des Sexuellen» im späten 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Kurzbeschreibung
Dieses Buch handelt von der Entstehung der sexuellen Begierde und des sexuellen Subjekts und bietet erstmals einen Überblick über die Sexualitätsgeschichte im deutschsprachigen Raum vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Es wird die ganze Bandbreite sexueller Äußerungen vorgeführt und in einem gesellschaftlichen und kulturellen Rahmen interpretiert: die Praktiken der bäuerlichen Bevölkerung und der städtischen Arbeiterschaft; der aufklärerische Onanie-Diskurs und die Geschlechterdebatte des 18. und 19. Jahrhunderts; die Entstehung des modernen sexuellen Subjekts und die sexuellen Wurzeln der bürgerlichen Gesellschaft. Homosexualität, Prostitution und andere Formen der Abweichung von Sittlichkeit und Moral werden in ihren sozialen und individuellen Dimensionen vorgestellt. Auch die angebliche Befreiung und Kommerzialisierung des Sex nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Beleg dafür, daß die sexuelle Begierde keine anthropologische Konstante darstellt.