"Die von den Vätern überkommenen Traditionen, an denen wir seit undenklichen Zeiten festhalten, wird kein Logos je umstoßen, auch dann nicht, wenn er der Weisheit letzte Schluss ist."
(Der Seher Teiresias in den Bakchai des Euripides; 480 - 406 v. Chr.)
Bereits im Zuge der Christianisierung waren Orte, wie Opferplätze zu Wallfahrtsstätten umfunktioniert worden. Nach den Jahren des Missbrauchs durch den Nationalsozialismus hatte die Wissenschaft einen weiten Bogen um die Erforschung vorchristlicher Religionen und Riten gemacht und das Feld weitgehend der esoterischen Literatur überlassen. Sogenannte "Kraftorte" wurden zu Pilgerstätten von Ersatzreligionen und des Neopaganismus. Heute kann die Forschung jedoch bar jedweder Form von Deutschtümelei und Pseudowissenschaft die Kult- und Opferbräuche mit archäologischen Fakten belegen und dadurch einen direkten Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt unserer Vorfahren erlauben.....
Das Buch bietet einen spannenden und abwechslungsreichen Rundgang durch die "heiligen Landschaften des antiken Deutschland". Hierbei dienen jeweils einzelne Kult- und Opferplätze mit ihren archäologischen Funden als Ausgangspunkt und Leitlinie. In neun chronologischen Kapiteln vermittelt der Archäologe Martin Kuckenburg ein umfassendes Gesamtbild vom Spektrum und Wandel vor- und frühgeschichtlicher Religionsausübung.....
Am Anfang stehen "Die Kulthöhlen der Steinzeit" und die Frage, ob diese Heiligtümer als Opferplätze oder schlichte Begräbnisstätten dienten. Hierbei werden die unterschiedlichsten Theorien zum Thema Menschenopfer vorgestellt. Beeindruckend ist das Foto des "Löwenmenschen", einer über 30.000 Jahre altenElfenbeinplastikaus dem Lonetal in Baden-Würtemberg. Das zweite Kapitel widmet sich den "Gestirnen und magischen Steinen". Deutschland besitzt mit dem Gollenstein bei Blieskastel im Saarland, den Lübbensteinen bei Helmstedt und dem Heiligtum von Goseck mehrere jungsteinzeitliche Sonnenheiligtümer. Mit Hilfe der "Himmelscheibe von Nebra" konnte man bereits um 1600 v. Chr.das kalendarische Datum durch einfache solare Peilung ermitteln. "Nahrung und Schätze für die Götter" stehen im Mittelpunkt des dritten Kapitels. Hölzerne Götzenbilder, wertvolle Waffen, Gebrauchsgegenstände und Schmuck wurden "gehortet", vergraben (Dieskau/Sachsen-Anhalt, Bullenheimer Berg in Bayernoder) oder in Seen, Flüsse oder Moore geworfen. Kapitel vier befasst sich mit "Grabstelen und Ahnenverehrung" und führt zu den Kultplätzen an frühkeltischen Fürstengräbern. Der beeindruckenste Fund ist die Sandsteinstatue des keltischen Fürsten vom hessischen Glauberg. "Naturheiligtümer und Heilige Haine" als Kultstätten der "klassischen" Kelten sind Gegenstand des fünften Kapitels. Neben Gewandspangen und Ringen, die z. B. am "Heidentor" bei Egesheim auf der schwäbischen Alb geopfert wurden, gab es auch Brandopferplätze im Alpenvorland. Ein besonderes Kleinod ist das 70 cm hohe "Kultbäumchen von Manching".
Das Kapitel "Moorleichen und Externsteine" berichtet von den umstrittene Kultgebräuchen der Germanen, die während der NS-Zeit für ideologische Zwecke missbraucht wurden. Braune Esoterik machte die Externsteine bei Detmold zu einer "nationalen Kultstätte", an der die Himmlers "SS" alljährliche Sonnenwendfeiern und Rekrutenvereidigungen veranstaltete. Das "Mädchen von Windeby" ist die bekannteste Moorleiche Deutschlands. In Braak bei Schleswig fand man 2,75 große Kultidole, die aus verzweigten Holzstämmen gefertigt wurden. Mit der Besetzung von Teilen des heutigen Deutschland durch die Legionen des Imperiums ging auch "Die Romanisierung des Kultwesens" einher. Religiöse Riten fanden fortan in den sogenannten "Gallorömischen Umgangstempel" mit erhöhtem Zentralbau und niedrigerem Säulenumgang statt. Neben der keltischen Pferdegöttin Epona (Walheim in Würtemberg) wurden auch römische Götter, wie ein Torques tragender Merkur (Weißenburg in Bayern) verehrt. In Trier wurde bei den römischen Staatskulten auch die "Kapitolische Trias" (Jupiter, Juno und Minerva) verehrt. Hinzu kamen verschiedene Muttergöttinen, die mit einem Säugling abgebildet zu Vorläufern der Marienstatuen wurden. Im achten Kapitel offenbaren "Heilthermen und Mithrashöhlen" die Mannigfaltigkeit provinzial-römischer Religion. Neben des Quellenheiligtums von Heckenmünster in der Südeifel kommt Nida im heutigen Frankfurter Stadtteil Heddernheim eine besondere Bedeutung zu. Mit dem Jupiter-Dolchenus- und dem Mithras-Kult waren dort zwei orientalische Religionen anzutreffen, die bereits einen Schritt in Richtung Monotheismus machten. Vor der Saalburg bei Bad Homburg kann man sich die Nachbildung eines Mithräums anschauen, das dem spätantiken Höhlenkult als Versammlungs- und Andachtsraum diente. Das letzte Kapitel "Von der Spätantike zum Mittelalter" beschreibt, wie heidnische Kultstätten dem Christentum dienstbar gemacht wurden. Aus den Externsteinen wurde im 12. Jahrhundert ein monumentales Relief heraus gemeißelt, das die Kreuzabnahme Christi zeigt. Während Heilige Bäume (Donarseiche) gefällt wurden, konnte ein Menhir zum "Fraubillenkreuz" in Rheinland-Pfalz umgearbeitet werden.
Vor den abschließenden Hinweisen zu Anmerkungen und Zitaten, je einem Literatur- und Bildnachweis gibt es eine Zusammenstellung von Ausflugstipps, die gleichfalls chronologisch gegliedert sind. Sie beinhalten Anfahrtsbeschreibungen mit Telefonnummern von Museen und Stätten, sowie Internetadressen. Dazu gehört auch eine topographische Deutschlandkarte, in der die die beschriebenen Ziele eingezeichnet sind. Neben einer Vielzahl beeindruckender Fotos, Luftaufnahmen, farbiger Abbildungen und dem Text, verfügt jedes Kapitel über - farblich in hellblau abgesetzte - Essays zu verschiedenen Themata, wie z. B. Menhire, Megalithische Großsteingräber, Näpfchensteine, Druiden, Moorleichen, Jupitersäulen usw.
"Kultstätten und Opferplätze in Deutschland: Von der Steinzeit bis zum Mittelalter" ist eine aktuelle Bestandsaufnahme mit vielen Anregungen, sich mit der Thematik zu beschäftigen und den ein oder anderen Ort zu besuchen.
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