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Kulte, Mythen und Gelehrte. Anthropologie der Antike seit 1800.
 
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Kulte, Mythen und Gelehrte. Anthropologie der Antike seit 1800. [Broschiert]

Renate Schlesier


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Neue Zürcher Zeitung

Das historische Buch

Wissenschaftsgeschichte – Faszinationsgeschichte

Renate Schlesier: «Kulte, Mythen und Gelehrte»

Üblicherweise hat eine Sammlung von Aufsätzen aus Professorenhand nicht einen Taschenbuchverlag als ihren ersten Erscheinungsort. Dass Renate Schlesier, Ordinaria für Kulturwissenschaftliche Anthropologie an der Universität Paderborn, mit ihren verstreuten Vorträgen und Essays zur Geschichte der Altertumswissenschaft der letzten beiden Jahrhunderte in Deutschland und Westeuropa so verfährt, lässt ahnen, wie sehr sie als Autorin bereit ist, mit Usanzen der Wissenschaft zu brechen, wenn es der Sache dienlich ist. Denn ebensosehr wie Fachkollegen sind ihr als Leser Studierende willkommen, eine Gruppe mit bekanntlich schmalem Portemonnaie. Auch im Blick auf sie mag der vorliegende Band geschrieben worden sein. Als Einführung in Geschichte der Wissenschaft von der klassischen Antike besitzt er die Qualität eines Handbuchs.

Wie sehr sich Schlesier bei aller Seriosität in der Darstellung auf Ironie versteht, zeigt auch der Titel des Bands, ist er doch Kritik wie Hommage an einen populärwissenschaftlichen Bestseller der ersten Nachkriegsjahre. Während in den Texten hier analytisch getrennt wird, was dort stabreimartig zusammengebracht und wie über einen Leisten geschoren war, so nimmt die Autorin dabei doch ein Anliegen auf, das damals, wenn auch höchst erfolgreich, gescheitert war. Man könnte es den Versuch nennen, Wissenschaftsgeschichte als Faszinationsgeschichte zu schreiben und so von der Wirkung zu erzählen, die die Stoffe der klassischen Mythologie und die Kulte der Polisgesellschaften auf die Gelehrten der antiken Religion ausgeübt haben. Sie lässt sich bis in die Ordnungen der Phänomene und in die Konstruktionen der Begriffe hinein verfolgen, die an den Gegenständen durchgeführt und aus ihnen abgeleitet worden sind. Neutral waren ihnen die Wissenschafter von der Antike keineswegs gegenübergetreten.

Hat man in zehn chronologisch geordneten Kapiteln, die einen Zeitraum von Georg Friedrich Creuzer bis Walter Burkert durchmessen, gelernt, sie einmal aus dieser Perspektive zu sehen, so erweisen sie sich als entfernte Verwandte der Erzähler von der Entstehung der Götter und dem Schicksal der Heroen, in gewissem Sinn auch der Opferpriester und Stampfetänzer, die ihrerseits und allesamt Anthropologen gewesen waren, freilich avant la lettre und gleichsam nebenberuflich. Denn diesen wie jenen war es vor allem um eine Darstellung der condition humaine und der Ordnungen zu tun, in deren sie klassifiziert und organisiert werden konnte. Gewiss hat sich jene Faszination in andere Formen gekleidet, und nur noch ein Exzentriker wie der Frankfurter Religionswissenschafter Walter F. Otto konnte erklären, er bete zu Zeus. Ihm Stiere zu opfern war indes nicht einmal er bereit. Dass sich die Wirkung des olympischen Pantheons und seiner Verehrer also nicht in einer Vorbildhaftigkeit erschöpfte, zu der sie seit Winckelmann geronnen und so gebannt worden war, sondern dass in ihrer Darstellung und Erforschung auch Kämpfe ausgetragen wurden, die man nicht um akademischen Einfluss allein führte, davon handelt die detaillierte und doch konzentrierte Historie der Anthropologie der Antike, die Schlesier geschrieben hat.

So macht sie etwa einsichtig, wie Karl Otfried Müller, der universitäre Ahnvater jener Wissenschaft, in seinem Gegensatz von olympisch und chthonisch – der zum Standardrepertoire der Forschung bis heute gehört – die Ambivalenz gesellschaftlicher Wirklichkeit departementalisieren und damit reinlich scheiden wollte. Otto Jahn war mit seinem Begriff des Apotropäischen eine ähnliche Abwehr bedrohlicher Mächte gelungen. Vornehmlich hatte er ihn an Darstellungen der Sexualität entwickelt, etwa an den emblematisch zu nennenden Gorgoneia, jenen Bildern des abgeschlagenen Haupts der Gorgo Medusa, das nun nicht mehr zu versteinern vermochte, sondern selbst zu Stein geworden war, in dem sich aber immer noch Lust mit Entsetzen bis zur Ununterscheidbarkeit mischt. Auch das Werk Claude Lévi-Strauss wird als Entlastungsunternehmen grossen Stils kenntlich, wenn er bei der Analyse der Mythen verlangt, man solle sich nicht mehr primär den Stoffen ihrer Erzählungen zuwenden, sondern vielmehr die ihnen zugrundeliegende und immer gleiche Struktur dechiffrieren, die in einer algebraischen Formel darstellbar sei. Die in den Mythen zwecks Anschauung und darum notwendig mortifizierte Natur der Menschengeschichte wird so gewaltsam um ihre Zeugenschaft durch die Stimme des Leids und der Anklage, aber auch des Glücks und des Triumphs gebracht.

Dabei macht Schlesier in ihrer kritischen Darstellung der Grossen ihres Fachs nicht deren Ideologie, sondern deren Analyse zum Gegenstand. Deutlich wird dies auch an den Äusserungen zum Werk jener Frau, die wohl nicht allein aus Zufall in der ungefähren Mitte des Buchs zu stehen kommen. Sie gelten jener «extravaganten Ritualistin von Cambridge», Jane Ellen Harrison, deren Pionierleistung in der Erforschung dessen, was die verdrängte und weibliche Seite der griechischen Zivilisation ausmacht, wohl zum erstenmal in deutscher Sprache explizit Gerechtigkeit widerfährt. Dass Schlesier dabei weder einer Idealisierung ihrer Heldin noch einer Identifizierung mit ihr – immerhin der einzigen Frau unter Männern – anheimfällt, macht ihre Darstellung so wertvoll wie ausgewogen. Man wird nach diesem einführenden Band gespannt sein, wann und wie sie sich ihrerseits um eine Anthropologie der Antike bemüht, die sich der Faszination ihrer Stoffe direkter, weil nicht vermittelt durch Vorläufer und Antagonisten, aussetzen wird. Vielleicht darf man dann sogar hoffen, dass in der Beschäftigung mit diesen Texten und Bildern in Deutschland etwas von der Sensibilität und Schärfe wiedergewonnen wird, die während des Nationalsozialisierung und in der Nachkriegszeit in Ignoranz und Positivismus verlorenging.

Martin Tremel

Kurzbeschreibung

Wer die Geschichte einer Wissenschaft verstehen will, tut gut daran, die bahnbrechenden Fragestellungen und ihren - offenen oder latenten - Wettbewerb ernst zu nehmen - in ihnen verkörpern sich die Bewegung des Wissens und der Kampf der Begriffe. Renate Schlesier spürt in ihrem Buch dieser Bewegung und diesem Kampf nach - in und an den Werken großer Gelehrter, die die Religion, die Mythen, Rituale und Kulte der Antike erforscht und ihre Bedeutung interpretiert haben: Karl Otfried Müller, Otto Jahn, Jane Ellen Harrison, Eduard Meyer, Claude Lévi-Strauss, Jean-Pierre Vernant u. a. m. Es entsteht so ein imponierendes Panorama anthropologischer Denkstile und Verfahrensweisen: Wissenschaftlergeschichte als Wissenschaftsgeschichte.

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