Mit einigen Hoffnungen habe ich dieses Buch erwartet. Der Titel "Kultbuch" weckt ja auch gewisse Erwartungen. Leider wurden diese allerdings enttäuscht. Daher verstehe ich auch die vorangehende uneingeschränkt positive Rezension nicht... Zunächst möchte ich sagen, dass mir das Werk von seiner optischen Aufmachung und den Fotos her sehr gut gefällt. Inhaltlich bleibt vom ersten positiven Eindruck her allerdings nicht viel übrig, ich versuche, dies zu begründen.
1. Vorgestellte Destillerien: Ich bin über die Auswahl der gewählten und vorgestellten Brennereien gelinde gesagt überrascht, leider wird auch nicht erläutert, warum gerade diese ausgewählt wurden. So viel vorweg: Ein gutes Dutzend der absoluten Top-Adressen kommen nicht vor. Dass man sich auf die in aktivem Betrieb befindlichen konzentriert und stillgelegte Kult-Distillerien wie Rosebank, Port Ellen oder Brora außen vorlässt, mag ja noch verständlich sein, wenn es auch schmerzt. Renommierte und von Malt-Liebhabern hochgelobte Brennereien wie Clynelish, Longmorn, Mortlach oder GlenDronach (von Bunnahabhain, Glen Grant oder Glenglassaugh ganz zu schweigen) zu ignorieren, kann ich allerdings nicht mehr verstehen - das Buch heißt schließlich "Kultbuch Malt Whisky"... Im Gegensatz zu den genannten weggelassenen stellt der Autor allerdings gleich alle vier Brennereien von Whyte & Mackay vor (The Dalmore, Tamnavulin, Jura und Fettercairn). Allesamt sicherlich leckere Tropfen, aber sicher nicht alle vier in der absoluten Ober-Klasse der Malt-Welt angesiedelt(Fettercairn...?). Hier kommt beim Leser erstmals der leise Verdacht auf, dass Werbung gemacht wird. Zumal das sehr persönliche Vorwort von Richard Paterson geschrieben wurde, der zufällig der Masterblender von Whyte & Mackay ist...Ihm werden im Buch noch weitere Seiten gewidmet, auf denen er u.a. den 62 jährigen The Dalmore vorstellt, einen der teuersten Whiskies der Welt - hier hätte man besser preiswertere und erwerbbare Spitzenmalts vorgestellt.
2. Über die Geschmackssinne des Autors, der sich im Buch mit großem Foto mit Johann Lafer ablichtet, neben seiner Tätigkeit als Autor Seminare anbietet und eine Website unter dem Namen "Whisky-Connoisseur" betreibt (auf der er sich gerne mit Prominenten beim Tasten zeigt) darf man sich wundern. Nur so viel: Als "wunderbar" etwa beschreibt er einen Glengoyne Single Cask aus dem Amontillado-Fass - ein Malt, der in der Whisky Bible 2010 von Jim Murray nur 63 von 100 Punkten bekommt... Ok, man mag von Jim Murray's Bewertungen halten, was man mag (Beispiel Laphroaig 15 yrs.) - derart vernichtende Wertungen verleiht selbst er allerdings ganz selten.
3. Eine große Enttäuschung ist es zuletzt auch, dass nicht einmal ansatzweise auf die unabhängigen Abfüller eingegangen wird - ein echter Connoisseur, der zudem wie im Falle Glengoyne die Vorzüge der Single Cask
Abfüllungen anpreist, sollte hier sicherlich zumindest die eine oder andere Buchseite opfern. Stattdessen stellt der Autor lieber etliche Zigarren vor, die hervorragend zum Whisky passen sollen. Was dies mit dem Kult "Malt Whisky" gemein hat, darf man sich fragen. Sicherlich gibt es Malttrinker, die auch eine gute Zigarre schätzen - der Anfänger, an den sich dieses Buch ja offenbar richtet (wie gesagt, für Kenner gibts absolut nichts Neues zu entdecken) - sollte sich allerdings beim Tasten erst einmal auf einen möglichst unbelegten Gaumen und Zunge konzentrieren ;-)
Nun ja, kritisiert ist ja bekanntlich schnell. Aber Titel und Inhalt prallen hier doch nahezu unvereinbar aufeinander. Weitaus empfehlenswerter als Einstiegslektüre sind sicherlich die Titel von Charles MacLean. Dem Autor würde ich insgesamt etwas selbstdarstellerische Zurückhaltung empfehlen, vielleicht bei einem Dram eines wirklich "wunderbaren" Single Cask Whiskys - ich empfehle die Bestände der Unabhängigen Abfüller.