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Kuba. Im Herbst des Patriarchen
 
 
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Kuba. Im Herbst des Patriarchen [Broschiert]

Hans-Jürgen Burchardt


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Neue Zürcher Zeitung

Kuba – Bestandesaufnahme einer Revolution

Wirtschaftliche Dauerkrise und Ideen zur «Demokratisierung»

Neun Jahre Krise haben in Kuba vielfältige Spuren hinterlassen: Eine exorbitante Aussenverschuldung, die schleichende Wiederkehr einer Klassengesellschaft, die zunehmende Entpolitisierung und der Rückzug ins Private sind nur einige der Phänomene, mit denen sich die Regierung Fidel Castros konfrontiert sieht. Der Bremer Politologe Hans-Jürgen Burchardt hat die Auswirkungen der Wirtschaftskrise untersucht und die Frage nach Perspektiven gestellt.

Wachsende Auslandabhängigkeit

Erfolgsmeldungen aus Havanna sind rar, und auch der kurze wirtschaftliche Aufgalopp, den die kubanische Wirtschaft nach Jahren der rasanten Talfahrt 1996 mit 7,8 Prozent Zuwachs vollführte, ist bereits wieder am Ende. Mehr als 1,2 Prozent Wachstum konnte Kubas Wirtschaftsminister José Luis Rodríguez im letzten Jahr nicht vermelden – Wachstum auf Pump, wie es Burchardt in seinem neuen Buch «Im Herbst des Patriarchen» nennt. Auf Pump, weil die spärlichen Wirtschaftserfolge der Regierung Castro nicht durch Produktivitätszuwachs zustande gekommen sind, sondern durch die Zuflüsse aus dem Ausland: in erster Linie von der Exilgemeinde aus Miami, die ihren Verwandten auf der Insel jährlich rund 800 Millionen Dollar überweist, und in zweiter Linie durch die Aufnahme kurzfristiger Kredite, mit denen die Regierung Castro immer wieder Löcher stopfen konnte, aber gleichzeitig die Auslandverbindlichkeiten in der westlichen Welt auf 13 Milliarden Dollar emporschraubte.

Reformen und Reformpostulate

Wo es in der kubanischen Wirtschaft hapert, schildert Burchardt in der ersten Hälfte seines Buches anhand einer recht detaillierten Analyse der von der Regierung Castro zwischen 1990 und 1996 initiierten Reformen. Der vielversprechende Ansatz der Kollektivierung in der Landwirtschaft, die sogenannte dritte Agrarreform, wird mit all ihren Fehlern und strukturellen Blockaden genauso kenntnisreich beleuchtet wie die Einführung der sogenannten Arbeit auf eigene Rechnung, welche die Entstehung eines kleinen Privatsektors zur Folge hatte, dem allerdings unter der Last der Steuern mehr und mehr die Luft ausgeht. Von der verpassten Währungsreform, die kubanische Sozialwissenschafter wiederholt gefordert haben, ist genauso die Rede wie von deren konkreten Auswirkungen auf Arbeitsmotivation und Lebensbedingungen der Bevölkerung.

Der Bremer Politologe begnügt sich jedoch nicht mit der Schilderung des Reformprozesses und der Analyse der vielfältigen Defizite, sondern stellt dem ein ökonomisches Alternativmodell «Kuba 2000» entgegen, das sich eng an Konzepte kubanischer Sozialwissenschafter anlehnt, denen die politische Führung jedoch bisher wenig Gehör schenkte. Eine sozialverträgliche Währungsreform, die Reaktivierung der Binnenökonomie durch Dezentralisierung, betriebliche Autonomie und die Vernetzung mit dem leidlich funktionierenden Devisensektor der kubanischen Wirtschaft gehören genauso zum Instrumentarium der Krisenbewältigung wie die Ausweitung der Privatinitiative und die Gründung von Produktionsgenossenschaften und Kollektiven. Der idealistisch anmutende Ansatz einer Pluralität der Eigentumsformen bei Erhaltung der sozialen Systeme als integrativer Klammer ist als bewusste Alternative zu den von Burchardt skizzierten Erfahrungen in den ehemals sozialistischen Ländern, allen voran der Sowjetunion, gedacht.

Die gesellschaftliche Seite der Krise

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit den Auswirkungen von neun Jahren Wirtschaftskrise und mit den zahlreichen dadurch ausgelösten sozialen Prozessen – etwa der Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Dollarbesitzer und Pesohungerleider, der aufkommenden Prostitution oder der Entpolitisierung der Jugend. Neue potentielle Akteure auf der politischen Bühne der Karibikinsel wie die dünne Schicht der Gewerbetreibenden oder die wiedererstarkende katholische Kirche werden genauso vorgestellt wie das politische Establishment um den líder máximo Fidel Castro. Castro, Inbegriff des charismatischen Führers, hat jedoch die offen sichtbaren Erosionsprozesse bisher nur widerwillig zur Kenntnis genommen, weshalb ihm Burchardt nicht nur den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zur Lektüre empfiehlt, sondern gleich noch Anregungen für eine erfolgreiche Modernisierung des Systems liefert. Dabei geht es dem Politologen nicht um die Übertragung westlicher Modelle auf die Karibikinsel, sondern um eine «sozialistische Demokratisierung», an deren Ende nicht nur ein starker Staat, sondern auch eine starke Zivilgesellschaft – gestützt auf einen neuen Gesellschaftsvertrag – steht.

Ein spannender Ansatz, der sicherlich die Diskussionen um die Zukunft der Insel befruchten wird und der leider nur einen Haken hat – den geringen Reformwillen des Adressaten, der kubanischen Regierung.

Knut Henkel


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