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Vier Blicke auf Kuba
Reportagen, Bilder und eine Art Vatermord
Gleich zu Beginn seiner Reportage «Kuba Abschied vom Kommandanten?» umreisst Alfred Herzka das Kreuz mit vielen Büchern über Kuba: Sie üben sich in blauäugiger Verherrlichung oder ressentimentgeladener Verteufelung. Herzkas Momentaufnahme aus Kuba, die Reportage und Analyse, historischen Rückblick und Interview verbindet, besticht durch einen unideologischen, leidenschaftslosen Blick auf die politische, wirtschaftliche und soziale Situation auf der Zuckerinsel, die zunehmend wieder zur Touristeninsel wird. Auf einen summarischen Rückblick auf die vier Jahrzehnte seit der Revolution folgt ein kaleidoskopartiges Panorama der heutigen Lage (Mitte 1997) aus dem Blickwinkel einer durchschnittlichen Bürgerin. Der Autor skizziert die Situation Kubas vor 1959 und entwirft ein Résumé von Fidel Castros Leben, wobei er sich vor allem auf die Biographie von Tad Szulc (1986) stützt. Unvermeidlicherweise ist ein Kapitel dem dornenvollen Verhältnis mit den USA gewidmet (Schweinebucht, Oktober-Krise, Versuche von Attentaten auf Castro, Embargo, Bootsflüchtlinge, Helms-Burton-Gesetz).
Castros Prägung
Kein Bereich der kubanischen Wirklichkeit kann abgehandelt werden, ohne dass die Rede auf Fidel Castro kommt. In traditionell lateinamerikanischer Caudillo-Manier hat der «máximo líder» die letzten vierzig Jahre in Kuba stärker geprägt als alle von der Revolution geschaffenen Institutionen. Den Errungenschaften des sozialistischen Systems im Bereich von Erziehung und Gesundheit gilt ein eigenes Kapitel, wobei deren zunehmende Gefährdung seit dem Wegfall der sowjetischen Subventionsmilliarden nach 1989 und seit der Verschärfung des amerikanischen Embargos nicht ausgeklammert bleibt. Erhellend ist Herzkas Analyse der Machtverhältnisse innerhalb der Nomenklatura; man erfährt, welche Oppositionsgruppen bestehen und wie der Staat mit ihnen umgeht. Einem oft vernachlässigten Aspekt des kubanischen Alltags, den wachsenden Spannungen zwischen Weissen und Dunkelhäutigen, widmet Herzka aufschlussreiche Seiten. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Volksreligion, die Santería, eingegangen, die wie der Katholizismus in den letzten Jahren vom nominell atheistischen Regime zunehmend geduldet wird.
Seit Castro die Ankurbelung des Fremdenverkehrs verordnet hat, ist nicht mehr der Zucker die hauptsächliche Devisenquelle, sondern der Tourismus. Der wachsende Zustrom ausländischer Besucher und die Legalisierung des Dollarbesitzes haben zu einer Zweiklassengesellschaft geführt, die das soziale Gefüge zunehmend erodiert. Davon ausgehend schildert Herzka Castros Wirtschaftspolitik seit 1959, die mit wenig Glanz und zahllosen Desastern aufwartet. Ironischerweise bilden die Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe der Armee den einzigen effizienten Wirtschaftssektor; sie operieren nach orthodox kapitalistischen Prinzipien. Die Willkür bei Erlass und Widerrufung von Gesetzen, die häufigen Wechsel der wirtschaftspolitischen Marschrichtung sowie die Hüst-Hott-Politik im Bereich der privaten Wirtschaftstätigkeit verdeutlichen die Ratlosigkeit einer Regierung, deren vorrangiges Interesse die eigene Perpetuierung zu sein scheint. Dabei stören offenbar Bürger, die Initiative entwickeln und zu Wohlstand gelangen, denn solche Untertanen tendieren lästigerweise dazu, eigene politische Vorstellungen zu entwickeln. Die Streiflichter von einer Reise durch den Osten Kubas ergeben ein gutes Bild von den Auswirkungen der 1990 verordneten Kriegswirtschaft («período especial en época de paz»). Entmutigung und Ohnmacht sind das dominierende Lebensgefühl.
Schlechte Aussichten für danach
Der Tenor fällt allerdings nicht nur negativ aus: Trotz drastischer Verschlechterung der Lebensqualität trifft der Reporter Herzka auf Leute, die dem Regime die Stange halten, viele nur schon deshalb, weil sie im Falle eines Machtwechsels noch Schlimmeres auf sich zukommen sehen würden. Dass diese Befürchtungen durchaus realistisch sind, ist Castros Schuld, denn der Kommandant ist nicht gewillt, mit der Opposition irgendwelcher Couleur ernsthaft zu verhandeln. Seine Verweigerung einer Debatte über die Nachfolge liegt zwar in «bester» Diktatorentradition, lässt aber Castros unermüdlich beschworene Sorge um das Vaterland ziemlich hohl klingen.
Den Kubanern jedenfalls wünscht man nicht, dass die rabiaten, finanzstarken und beim amerikanischen Polit-Establishment einflussreichen Exilkubaner aus Miami an die Macht gelangen. Herzka präsentiert auch die demokratischere Opposition der Exilkubaner, wobei deutlich wird, wie wenig Einfluss diese Gruppierungen haben. Der Autor ist der Meinung, dass Castros Festhalten an der absoluten Führungsrolle und seine ideologische Kompromisslosigkeit den Feinden im extremen Lager zugute kommen. Die Aussicht auf einen geordneten Machtwechsel ist gering.
«Halbgott in Grün»
Der modisch-anbiedernde Titel «Salsa einer Revolution» tut dem Buch von Henke Hentschel unrecht. Aus einer betont persönlichen Perspektive entwirft der in Havanna ansässige Deutsche ein lebhaftes und von grosser Sympathie für die Kubaner durchdrungenes Bild Kubas. Obwohl Politik, Geschichte und Ökonomie nicht ausgespart werden, liegt die Stärke von Henkels Textsammlung in erster Linie in der Darstellung des Alltagslebens, wobei Themen wie Musik und Spitzensport, Zucker und Biotechnologie, Tabak und Tourismusindustrie, die Blockade und der «Halbgott in Grün» aufschlussreiche, wenn auch hin und wieder etwas flauschig-impressionistisch gehaltene Kapitel ergeben. Der schön gemachte, grossformatige Band ist reich illustriert mit Photos von Sven Creutzmann, einem in Kuba akkreditierten Bildjournalisten.
Einen weiteren Augenschmaus bietet «Kuba. Eine Revolution in Bildern», ein Querschnitt durch das photographische Schaffen von Osvaldo Salas und seinem Sohn Roberto. Osvaldo Salas, ein in den USA aufgewachsener Kubaner, hatte Castro bereits 1955 photographiert, als der junge Anwalt und Oppositionspolitiker unter den kubanischen Emigranten in New York zu Spenden für den Kampf gegen Batista aufrief. Kurz nach seiner Machtübernahme rief der Revolutionsführer, dem die Bedeutung guter Public Relations sehr bewusst ist, Salas nach Kuba. Bald gehörten der Photoreporter samt seinem ebenfalls photographierenden Sohn zur Entourage des Kommandanten. Die meist grossformatigen, exzellent reproduzierten Schwarzweissphotos stammen grösstenteils aus den sechziger Jahren; sie bestechen durch Unmittelbarkeit, Eindringlichkeit und oft auch durch eine kompositorische Sensibilität, die sie über blosse Zeitzeugenschaft hinaushebt. Die ausführlichen Bildlegenden, die auf Interviews von Roberto Salas beruhen, machen diesen Band auch auf der Textebene zu einem aufschlussreichen Begleiter durch die ersten Revolutionsjahre.
Psychohygiene statt Zeitgeschichte
Gleiches lässt sich vom Memoirenband «Ich, Alina» nicht sagen. Die 1956 unehelich geborene Alina Fernández erfuhr erst mit zehn Jahren, dass ihr wirklicher Vater Fidel Castro ist. Für das Mädchen war der Kommandant eine entrückte Persönlichkeit, der die Massen zujubelten, wo immer sie auftrat. Die väterliche Zuwendung reduzierte sich auf unangekündigte Blitzbesuche und von fremder Hand überbrachte Geschenke. Dem Bürgertum entstammend, fand sich Alina Fernández im sozialistischen Kuba nicht zurecht. 1993 floh sie aus Kuba, 1997 sind ihre Memoiren in Madrid erschienen. Gefasstheit und innere Distanz sind nicht die Stärken dieses Buches. Mit Beleidigungen, Schmähungen und Schimpftiraden zieht die Autorin gegen alle her, die ihrer Meinung nach Schuld tragen an ihrer Situation. Magersucht, abgebrochene Studien, Scheidungen vermitteln das Bild einer verletzten, orientierungslosen, rastlosen Person. Dieses Buch bietet nicht Information und Analyse; es ist vor allem eine Abrechnung, die mit ihrer Eindimensionalität und Gehässigkeit und ihren befremdlichen Gefühlsergüssen bald einmal langweilt. Wenn man über Celia Sánchez, Castros 1980 verstorbene Kampf- und Lebensgefährtin, nicht mehr erfährt, als dass sie eine «Hexe» und «Giftspritze» war, so fragt man sich, wen solche Einsichten wohl interessieren mögen.
Wer eine Position wie Alina Fernández einnimmt, wäre wohl fähig, das politische Tagesgeschehen mit Spezifischem und Selbsterlebtem aus dem Dunstkreis der Macht zu unterfüttern und auf diese Weise Zusammenhänge und Atmosphärisches zu verdeutlichen, was einem Aussenstehenden schwerlich möglich ist. An einigen Stellen, bei der Ochoa-Affäre etwa, tut dies die Autorin im Ansatz. Auch die Schilderungen des Alltags während der revolutionären Umwälzungen vermitteln eine Vorstellung vom Lebensgefühl des verängstigten bürgerlichen Mittelstandes. Doch im ganzen ist «Ich, Alina» ein Zeugnis der Verbitterung, das eher der Psychohygiene dient als der Zeitgeschichte.
Georg Sütterlin
Osvaldo und Roberto Salas: Kuba. Eine Revolution in Bildern. Aufbau-Verlag, Berlin 1999. 176 S., Fr 55..
Alina Fernández: Ich, Alina. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999. 345 S., Fr, 37..
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