- Taschenbuch: 190 Seiten
- Verlag: Insel, Frankfurt (19. Mai 1998)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3458338683
- ISBN-13: 978-3458338680
- Größe und/oder Gewicht: 17,6 x 10,8 x 1 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.172.089 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Otto F. Bests Biographie des Kusses
Die grossen Liebenden findet Dante in der Hölle: haltlos wie verwirrte Vögel in einem schwarzen Sturm. Paolo Malatesta und seine Geliebte Francesca, die Gattin seines Bruders, werden im zweiten Höllenkreis auf ewig herumgetrieben. Ein Buch hat sie verführt. Zusammen lasen sie in einem höfischen Roman von Chréstien de Troyes und waren an die Stelle gekommen, wo der Ritter Lancelot die gerettete Königin Guinevere heimlich küsst. Die schöne Francesca erklärt dem fragenden Dante:
«Als wir gelesen, dass in seiner Liebe / Er das ersehnte Antlitz küssen musste, / Hat dieser, der mich niemals wird verlassen, / Mich auf den Mund geküsst, mit tiefem Beben. / Verführer war das Buch und der's geschrieben.»
Und dann spricht sie einen der berühmtesten Sätze der «Göttlichen Komödie»: «An jenem Tage lasen wir nicht weiter.» Der gelesene Kuss wird zur Initiation eines gegebenen Kusses. Und das Nichtweiterlesen ist seither eine unmissverständliche leise Chiffre für den Ehebruch.
In seinem Buch «Der Kuss», das der in den USA lehrende Literaturwissenschafter Otto F. Best (Jahrgang 1929) in Zusammenarbeit mit dem Zoologen und Verhaltensforscher Wolfgang M. Schleidt (Jahrgang 1927) geschrieben hat, bleibt der berühmte doppelte Kuss, der in die Hölle führt, nicht unerwähnt. Aber er ist für die Autoren wenig ergiebig. In dem 400- seitigen Buch wird er auf anderthalb Seiten abgehandelt. Diese Kürze hat insofern Sinn, als das Interesse des Buches auf einen «Stammbaum» des Kusses zielt, auf die Genese von «oskulatorischem Verhalten» oder «quadrolabialer Liebkosung». Und wie genau sich Francesca und Paolo geküsst haben, muss Dante vernachlässigbar erschienen sein. Daher referiert Best nun ersatzweise den gelesenen heimlichen Kuss: Man steckte zu dritt die Köpfe zusammen, als unterhielte man sich. Und der eine schloss dann für die Heimlichkeit der beiden anderen solidarisch die Augen.
Dante evoziert das Verhängnis des Glücks ohne körperliche Konkretion, ihm war das «tiefe Beben» genug. Und nach Francescas schüchternem Satz «Quel giorno più non vi leggemmo avante» weiss Dante die Verneinung und die Doppelbödigkeit des «avante» zu verstehen und bricht ohnmächtig vor Mitleid zusammen.
«Gehäuft tritt Küssen auf in einer bestimmten Phase des Paarungsvorspiels. So in der Mitte jener Kette von Verhaltensweisen, die, im Extremfall geschlechtlicher Vereinigung, mit einem begehrenden Blick beginnen und auf dem gemeinsam erstiegenen Gipfel enden.» Wer jetzt erschrickt, ist selber schuld. Denn das Buch «Der Kuss» heisst im Untertitel «Eine Biographie». Das könnte eine Warnung sein.
Seit mehreren Jahren erscheinen in rascher Folge Kulturgeschichten über nahezu jedes Alltagssujet. Wenn Best seine Studie über den Kuss nun eine «Biographie» nennt, steht er in der Tradition der Kulturgeschichte, umschifft aber gleichzeitig diese anspruchsvolle Kategorie. Er erfindet wohl in Anlehnung an das Erfolgsbuch von Jack Miles «Gott. Eine Biographie» ein offenes Genre und wird zum fröhlichen Wissenschafter, der sein Thema fachübergreifend assoziativ ausprobiert.
Mit der Zoologie legt Best den Grund seiner Kuss-Forschung in die fünf Situationen des «oskulatorischen Verhaltens» bei Tieren: «Begrüssung, Körperpflege, Paarung, Mund-zu-Mund-Fütterung der Jungen und Kampf.» Die Verhaltensforschung liefert ihm Varianten animalischer Gebärden beim Menschen, vor allem in der milchreichen Mutter-Kind-Beziehung. Der Geschichtswissenschaft entnimmt er die symbolische Funktion von politischen Küssen zwischen Friedenskuss und Bruderkuss. Die Theologie schenkt den küssenden Gottvater, der Leben, und den küssenden Jesus, der Glauben einhaucht, den allegorischen und nicht nur allegorischen Kuss im Hohelied, den Kuss mystischer Ekstase, den verratenden Judaskuss. Und immer wieder verweilt Best mit sexualpädagogischem Furor bei der Funktion von Lippen, Zähnen und Speichel oder der Bedeutung der Zunge:
«Mit ihrer Hilfe lässt sich, beim Küssen, versteht sich, das blinde Loch: die dreieckige Vertiefung hinten auf dem Rücken der Zunge des (Spiel-)Partners, genüsslich ausloten, die Haltefestigkeit von Zungenbändchen und Zungenbein überprüfen oder an den Schmeckbechern nippen. Welche Lust, beispielsweise, wenn sie die einzelnen Geschmackwärzchen abtastet! Abenteuerspielplatz par excellence.»
Vielleicht ist das Buch im besten Fall ein Abenteuerspielplatz. Best turnt angeregt, schaukelt in Assoziationen, springt etwa beim Thema Kuss und Gewalt gerne vom Alten Testament zur Zeitungsmeldung. Bei dem Einfall, Kuss habe etwas mit Zuneigung zu tun, kommt er über das etymologische Begriffsfeld von «Neigung» zu der nach unten geneigten Vagina beim «Menschenweibchen» und zum «frontalen Liebesakt», die der Mund-an-Mund-Kuss einleite.
Die Materialfülle ist erstaunlich. Um sie nicht bündeln zu müssen, verzichtet das Buch von vorneherein auf wissenschaftliche Ansprüche. Es enthält kein Personen- oder Sachregister; Zitate sind, wenn überhaupt, nur sehr vage ausgewiesen; methodische Überlegungen beim unmittelbaren Vergleichen disparatester Quellen werden nicht angestellt. Und dies ist vielleicht sein grösster Mangel. Denn wo alles fraglos mit allem verglichen werden kann, findet auch der Leser keine rechte Struktur und muss den Faden verlorengeben, noch bevor er gesponnen wurde. «As you like it: Vom Petting zum Anything goes: Entmythisierung und Triumph der Technik» heisst bezeichnenderweise das abschliessende Kapitel. Auch wenn man es gelesen hat, weiss man nicht so genau, um was es ging. Stilistisch gibt sich der Text offen und unkompliziert. Er will Vergnügen bereiten in dem unendlichen Raum zwischen göttlichem Atemhauch und irdischer Fellatio. Wer die kulinarische Unerschrockenheit der Verfasser teilt, wird einen Geschmack von Küssen bekommen. Andere werden ein leises Sehnen spüren nach der Nasenspitze des Eskimos.
Zeitgleich mit Bests «Biographie» erschien die kleine Anthologie von Doris Maurer: «Der Kuss. Von der schönsten Sache der Welt». Hier bleibt ein Kuss in seinem jeweilig besonderen Kontext. Er ist ein kleiner gemeinsamer Nenner im Zusammensein zweier Menschen: erlösend, irritierend, versäumt, verführend, enttäuschend, gefährlich, unsäglich. In Küssen sammelt sich Liebesglück wie Todesangst. Als Teil einer Geschichte, eines Gedichts sind sie, was sie sind: Sujets literarischer Strukturen, die ihren Eigensinn in sich tragen und lesend mitvollzogen werden können. Wenn man denn weiterliest.
Angelika Overath
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