Insgesamt finde ich diesen vierten Teil immer noch sehr unterhaltsam, aber nicht mehr ganz so berauschend, wie die ersten drei Teile und das hat gute Gründe: Weniger eindrucksvolle Überraschungen, dünnere Leseatmosphäre und weniger Abenteuer im Vergleich zu den Vorgängerbänden.
Ich sehe diesen Teil gespickt mit Geschichten, die auf ein großes Finale dieses in sechs Teilen geplanten Zyklus zusteuert. Die Spannung wird dahingehend langsam aufgebaut, indem zum Beispiel neue Beziehungen gestrickt werden, risikovolle Unternehmungen geplant werden, oder neue Rollenverteilungen entstehen, in welchen sich die Charaktere erst einmal zu beweisen haben.
Allzu große Abenteuer oder Herausforderungen, wie in den ersten drei Teilen stehen nun nicht an, außer jene Fragen die es zu beantworten gilt: Wo befindet sich das verlorene Volk, wie kann es befreit werden und gelingt es dem Vorherbestimmten, jene zu befreien?
Dieser vierte Teil setzt zunächst einmal auf Wiederbegegnungen diverser Charaktere, die sich vor mehr als zwei Dekaden zuletzt gesehen haben. Es steht in Frage, wie die Charaktere aufeinander reagieren werden, wenn sie sich nach einer so langen Zeit wiedersehen? Dabei erhalten manche Personen, die bislang mehr nebensächlich vorgekommen sind, mehr Tiefe.
Dass Charaktere bei Rümmelein einer - im Vergleich mit anderen Autoren - ungewohnten Vergänglichkeit untergeordnet sind, beweist der Autor auch in diesem Band. Hier werden aber nicht nur Sterbliche anbelangt sondern auch legendäre Gegenstände und Örtlichkeiten. Da man dies schon von den ersten drei Teilen gewöhnt ist, erlebt man in diesem Band die Verluste aber weniger als große Überraschungen.
Außerdem - und das wiederum empfinde ich als innovativ im positiven Sinne - verlässt der Autor mit kleinen Schritten das Gefilde des High-Fantasy und vertieft damit das, was im ersten Teil bereits angedeutet wurde: Das mittelalterliche Flair muss dem wissenschaftlichen Fortschritt weichen, da das neue Volk mit den menschenähnlichen Nno-bei-Klan ihre Neugierde in der Alchemie und Technik für die Entwicklung von Waffen umzusetzen versteht. Dabei klingt die Kritik am wissenschaftlichen Forscherdrang an, dass Kriege immer verheerender werden, je weiter de Fortschritt durch Entwicklungen ist. Interessant für die weiteren zwei Teile ist, ob die Wissenschaft letztendlich gegenüber der Magie im Vorteil ist.
Von einer eingängigen Atmosphäre kann man in diesem Teil meines Erachtens auch nicht sprechen, da mit fast jedem Kapitel unterschiedlichste Szenenwechsel vonstatten gehen, während im ersten Teil zum Beispiel alles auf die Schlacht am Rayhin ausgerichtet war, und die Atmosphäre zunehmend verdichtete.
Bernd Rümmelein schafft im Leser mit der Bekanntmachung des vierten alten Volkes ausgesprochen farbenprächtige Bilder. Er bedient sich in diesem Kapitel erstmals einer Ich-Erzählperspektive, indem ein Zeuge, der mit diesem vierten Volk vor 5000 Jahren Bekanntschaft gemacht hatte, seine Erlebnisse in einer Schriftrolle festgehalten hatte und der Kryson-Leser diese Erlebnisse selbst zu lesen bekommt.
Es macht einfach Spaß zu lesen, mit welcher Detailverliebtheit Bernd Rümmelein seine Völker und die ganze Welt geschaffen hat. Jedes seiner Völker ist von Grund auf verschieden und so einzigartig, dass sich viele deutsche Fantasy-Autoren ein Beispiel nehmen sollten, die vorwiegend bei ihren Stereotypen (Zwerge, Trolle, Orks, ...) verweilen.
Mit sehr, sehr großer Spannung erwarte ich die nächsten zwei Bände, denn nach diesem Teil, in dem wie gesagt Handlungen vorangetrieben werden mussten, wird es erst richtig "ab gehen"! Ich verspreche mir wieder viele Herausforderungen, düstere Atmosphäre und explosive Duelle, welche nicht nur aus der Gegenüberstellung von Magie und Wissenschaft bestehen.