Die Firma Friedrich Krupp war prägend für die Industriealisierung in Deutschland. Sie war im Kaisereich der größte Eisen- und Stahlproduzent, der zweitgrößte Zechenbesitzer und entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem weltweit tätigen Konzern. Allein in der Stadt Essen - der Keimzelle des Unternehmens - hatte die Firma in den Spitzenzeiten bis zu 150.000 Beschäftigte. Das 'Sozialwerk' der Firma Krupp mit einer vielfältigen Leistungspalette für die Beschäftigten und ihre Familien war vorbildlich für ähnliche Projekte anderer Firmen und selbst für die Sozialgesetzgebung unter Reichskanzler Bismark.
Zur Geschichte der Firma Krupp wurden bisher einige Bücher geschrieben und viele Artikel in Zeitungen veröffentlicht. Meist handelt es sich um populäre, verkürzte Darstellungen, um ideologisch gefärbte Analysen oder sehr stark monoperspektivische Beschreibungen. Im Mittelpunkt des Interesses steht oft die Familie Krupp (später Krupp von Bohlen und Halbach), die von 1811-1967 verantwortlich leitend in der Firma tätig war. Es sind meist die allzu bekannten 'Menschlichkeiten', die skandalheischend für die Autoren von besonderem Interesse sind.
Ganz anders ist die Arbeit von Lothar Gall.
Der Historiker Lothar Gall untersucht in seinem Buch die Geschichte der Firma Friedrich Krupp von den Anfängen bis zum ersten Weltkrieg.Es ist eine der besten sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Arbeiten zu diesem Thema die ich kenne:wissenschaftlich bestens fundiert, detailliert analysierend, engagiert geschrieben und sehr gut lesbar.
Industriealisierung bedeutet nicht nur massenhafte Produktion von Gütern und Veränderung der Erwerbsarbeit, sondern vor allem auch die Erfindung von betrieblichen Organisationsprozessen und neuen sozialen Netzen. Darauf weist die Arbeit von Lothar Gall ganz besonders hin. Eine Kulturleistung, auf die bisher nur unzureichend hingewiesen wurde. Lothar Gall beschreibt die Geschichte der Firma Krupp in erster Linie als einen sich entwickelnden Organismus, der im Laufe der Zeit auch eine spezielle Eigendynamik entfaltet. Deshalb sind auch die Detaills zur Produktionsgeschichte wichtig. Die Einbettung der Leistungen und des Engagements der Gründerpersönlichkeiten in die politischen Strukturen der Zeit und den allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen wird besonders gut herausgearbeitet. Und es wird deutlich: Die Firma Krupp wird spätestens seit Alfred Krupp - trotz möglicher Kritikpunkte -durch eine Unternehmensphilosophie oder ein Leitbild geprägt, dass Alfred Krupp in dem bekannten Satz "Arbeit soll dem Gemeinwohl dienen, dann bringt Arbeit segen, dann ist Arbeit Gebet" zusammengefaßt hat. Der letzte Alleininhaber der Firma Krupp Alfried Krupp von Bohlen und Halbach formulierte diesen Grundsatz etwas moderner und sprach auf seiner letzten Ansprache vor Betriebsangehörigen im Jahr 1967 von der 'Sozialbindung des persönlichen Eigentums'. Ein Grundsatz, den sich Manager unserer Zeit 'dick hinter die Ohren schreiben' könnten. Das Buch von Lothar Gall ist unbedingt empfehlenswert.
Eine hervorragende Fortsetzung findet die Geschichte der Firma Krupp in dem von Lothar Gall herausgegebenen Band "Krupp im 20. Jahrhundert" (Siedler Verlag 2002).