Als Rudolph Franz Carl Joseph "des Kaiserthumes Österreich Kronprinz und Thronfolger, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, der Lombardei und Venedigs, von Dalmatien, Croatien, Slawonien, Gailizien, Lodomerien und Illyrien. Erzherzog von Österreich. Ritter des Goldenen Vlieses" am 21. August 1958 geboren wurde, war die Revolution von 1848 noch lange nicht vergessen. Es war der Verdienst von Kaiser Franz Josephs "braven Armee" und der verbündeten Russen gewesen, dass der damals noch junge Monarch die Macht im Staate überhaupt behalten konnte. Die nach wie vor hohen Militärausgaben belasteten die Staatskasse sehr, doch der Kaiser fühlte sich der Armee und seinen Generälen zu Dank verpflichtet, was mitunter ein Grund für die Ernennung des neugeborenen Kronprinzen zum Offizier gewesen sein dürfte. Mit dem ersten Tag seines Lebens schien Rudolphs Leben durch seinen Vater damit vorbestimmt, er sollte Offizier werden...
Das Österreich in dem Rudolph geboren wurde, wurde nach ersten Zugeständnissen an die 48er-Revolutionäre wieder absolut regiert. Doch eine Änderung der Politik des Kaisers wurde unausweichlich, als die Niederlagen in Norditalien das Kaisertum zu erschüttern begannen. Viele Hoffnungen ruhten daher auf wissbegierigen Knaben, der in seinen Briefen unendlich viele Fragen an seinen Vater zu stellen schien. Doch kränklich und sensibel wie er war, behagten ihm so manche Militärparaden nicht, wofür ihn sein Vater scharf rügte.
Rudolphs Kindheit war nicht unbeschwert, wenn ihm auch seine Schwester Gisela gewissen Halt gab. Doch die sich zunehmend vom Wiener Hof distanzierende Sissi bekämpfte ihre Schwiegermutter Erzherzogin Sophie zumindest in ihren Briefen aufs Schärfste, hatte sie ihr doch die Kindererziehung aus der Hand genommen und mehr in die ungeliebte repräsentative Rolle gedrängt. Auch Kaiser Franz Joseph war sehr selten gegenwärtig und über alle Maße mit den Staatsgeschäften beschäftigt, um das Vertrauen seines Volkes zurückzugewinnen und die Rufe nach "Kaiser Max", seinem womöglich qualifizierteren, und auf jeden Fall begabteren jüngeren Bruder Erzherzog Maximilian, endgültig zum Schweigen zu bringen.
So überrascht es kaum, das Rudolf pünktlich zu seinem sechsten Geburtstag, ganz in der Tradition der Habsburger, ein eigener Hofstaat mit dem verdienten Offizier Obersthofmeister Graf Leopold Gondrecourt übergeben wurde. Von seiner Schwester getrennt, sollte der Kronprinz nun abgehärtet und soldatisch erzogen werden, wobei sein Obersthofmeister, der auf Anweisung des Kaisers handelte, jedoch genau das Gegenteil bewirkte. Rudolf wirkte verstört, wurde zum Bettnässer und immer kränklicher, so dass schon fast um sein Leben zu fürchten war.
Erst jetzt trat seine Mutter wieder entscheidend in das Leben des Thronerben und setzte sich bei Franz Joseph mit dem Wunsch durch, bis zur Volljährigkeit Rudolfs allein über dessen Erziehung bestimmen zu dürfen. Mit Joseph Latour von Thrumburg wurde ein neuer Erzieher und ausgesprochen liberale Lehrer für den Kronprinzen ernannt, der ihm eine für die damaligen Verhältnisse ungewöhnlich liberale und bürgerliche Erziehung angedeihen ließ. Der Erbe Habsburgerreichs begann regelrecht aufzublühen, wurde zu einer wissenschaftlichen Kapazität in der Ornithologie und insgeheim flammender Fürsprecher für die Sache der Liberalen, ein Engagement, das am Hof sehr mit Misstrauen beobachtet wurde, vor allem von Seiten Erzherzog Albrechts.
Mit seinem 19. Geburtstag erhielt Rudolf einen neuen Obersthofmeister. Graf Charles (Charly) Bombelles, war eine sehr illustre Gestalt, berühmter Junggeselle und Lebemann, der Rudolf weg von seinen Büchern zu den Frauen bringen sollte, um den ersten jungen Mann etwas zu zerstreuen. 1878 rückte Rudolf schließlich als Oberst in Prag beim Infanterieregiment Nr. 36 ein und begann, die ihm schon lange vorherbestimmte militärische Karriere. Die arrangierte Hochzeit mit der wenig reizvollen Stephanie von Belgien brachte Rudolph weiter in die Bredouille, wurde Stephanie doch von seiner Mutter stets verachtet. Noch dazu wurde die Kronprinzessin durch Rudolphs Schuld sogar unfruchtbar und nach der Geburt einer Tochter, waren die Chancen auf einen männlichen Thronerben damit dahin. Eine Auflösung der Ehe ließ sich allerdings nicht durchsetzen.
Die Lage des Kronprinzen war denkbar aussichtslos, eine Selbstbestimmung über sein Leben schier unmöglich. Am Hof von den Erzkonservativen ausgegrenzt, war es Rudolf unmöglich als Kronprinz in die Staatsgeschäfte einzugreifen. Der Kaiser selbst war irritiert von den liberalen Ansichten seines Erben und verweigerte ihm in vieler Hinsicht Lob und Anerkennung, für die sein Sohn fast alles gegeben hätte.
Der Weg nach Mayerling war auch ein Weg der Enttäuschungen, der Resignation vor der eigenen Machtlosigkeit. Als Kaiser Friedrich III. starb zerbrach für Rudolf die Hoffnung auf ein Bündnis mit einem aufgeklärten Deutschen Reich, denn Friedrichs Nachfolger Wilhelm II. war überzeugter Militarist und Rudolf fürchtete den Krieg, in den das Deutsche Reich Österreich-Ungarn stürzen könnte. Es ist das Drama eines Liberalen, der in Österreich-Ungarn (auch wenn er gegen den "Ausgleich" und die De-facto-Trennung in zwei Reiche, die nur durch den Kaiser und König in Personalunion noch vereint waren) bereits einen Prototypen von Victor Hugos Traum der "Vereinigten Staaten von Europa" verwirklicht sah, wie er seinem Freund Georges Clemenceau im Dezember 1886 in einem gestand, jedoch mitansehen musste wie der Vielvölkerstaat von seinen Völkern langsam zerrissen wurde, während sich die Liberalen, deren Überzeugungen er teilte, von den Deutschnationalen verdrängt wurden, bis die liberale Partei am Beginn des 20. Jahrhunderts der Vergangenheit angehörte.
"Kronprinz Rudolf. Ein Leben" ist Brigitte Hamanns Meisterwerk, jenes Buch, das in zahllosen Auflagen die gängigste Rudolf-Biografie darstellt und Eingang in viele andere Werke gefunden hat. Aber das Werk ist zugleich auch Ausgangspunkt für spätere Werke der freien Autorin, wie Hitlers Wien. Die politischen Strömungen, die Lebzeiten Kronprinz Rudolfs entwickelt haben, werden in Hitlers Wien etwa direkt aufgegriffen und genauer dargestellt. Doch in der Kronprinzen-Biografie findet man nur wenig handfeste politische Elemente, auch das Leben des Kronprinzen tritt von Zeit zu Zeit eher in den Hintergrund, wenn wichtige Persönlichkeiten in seinem Leben herausgearbeitet oder Beziehungen wie die zwischen Marie Valerie und ihren älteren beiden Geschwistern Rudolf und Gisela genauer beleuchtet werden. Es ist eine fast schon verklärende und romantisierende Darstellung, die "Kronprinz Rudolf: Ein Leben" geprägt hat. Das macht das Buch nicht unbedingt schlecht, denn als Einstiegslektüre ist es hervorragend, doch zugleich gibt es auch Aspekte, die von anderen AutorInnen in neueren Werken widerlegt wurden (wie Katrin Unterreiner in "Kronprinz Rudolf - Ich bin andere Wege gegangen....").
Doch was Brigitte Hamann gelingt ist dem Leser das Drama des Kronprinzen anschaulich zu vermitteln. Anhand der Geschichte Rudolfs werden auch die begleitenden Umstände seines Weges nach Mayerling geschildert. Die Diktion, welche Brigitte Hamann begründet hat, wurde seither vielfach aufgegriffen. Ganz klar verweist sie Mayerling-Mythen in das Reich der Fiktion und stellt die reale Version dar, wobei sie auch Erklärungsmöglichkeiten für den Entstehung zahlreicher Verschwörungstheorien aufzeigt, ohne dies allerdings bewusst anzusprechen. Ganz gewiss, ist "Kronprinz Rudolf", ein Standardwerk, dass man zumindest gelesen haben sollte, wenn man auch in den Details nicht mit der Autorin übereinstimmt, selbst wenn diese von vielen anderen Autorinnen und Autoren mit Freude aufgegriffen worden sind. Anders als Katrin Unterreiner etwa, schafft es Brigitte Hamann, die Persönlichkeit Rudolfs, als in jeder Hinsicht gescheiterten und völlig enttäuschten Thronerben mit Ambitionen und einer gehörigen Portion Talent aufzuzeigen.
Fazit:
Eine beeindruckende und sehr gut erzählte Einführung in das Leben des gescheiterten Kronprinzen.