Natürlich gibt es viele verschiedene Ausgaben jener witzvollen Lichtenberg'schen Notizen. Es gibt komplette, kiloschwere Schuber mit den über 8.000 Tag- und Nacht-Buch-Eintragungen, mit unterschiedlich umfangreichen germanistischen Anmerkungsanhängen, es gibt auch kleinere bis putzigste Auswahlbüchlein - bei dieser Insel-Taschenbuch-Ausgabe jedoch besteht der Vorteil darin, dass man dahinterkommen kann, was für Robert Gernhardt die beeindruckendsten Geistesblitze des Göttinger Sudelbuchschreibers (1742-1799) waren. Wer sich dafür interessiert, was den Lichtenbergischsten aller deutschen Gegenwartsliteraten inspiriert haben mag, was ihn direkt ins Herz getroffen haben könnte: der sollte sich die von Robert Gernhardt sehr liebevoll zusammengetragene Auswahl zulegen. Nicht so sehr wegen der zahlenmäßig nicht so groß ausgefallenen beigefügten Gernhardt-Karikaturen, als vielmehr wegen des von ihm geschriebenen umfangreichen Nachwortes, überschrieben: "TROST BEI LICHTENBERG". Hier lüftet sich auch das Geheimnis der Titelwahl für dieses blassgrüne Bändchen, fußend nämlich auf dem Lichtenbergschen Ideenkörnchen: "Man sollte Krokodile in den Stadtgräben ziehen, um ihnen mehr Festigkeit zu geben." Eine bemerkenswerte Schwerpunktsetzung des Alt-68ers jener "Neuen Frankfurter nach-adornischen Schule", die doch so sozial-integrativ und wohngemeinschaftskompatibel mit versuchter Kulturrevolution einmal begonnen hatte: drückt sich hier nicht doch deutlich der Wunsch aus, die Mauern ums geduzte Szene-ICH doch ein wenig höher zu ziehen, nicht jeden Hinz und Kunz in die Stadt der eigenen Identität hineintoben zu lassen, vor dem Eingangstor doch besser ein paar wachhabende Krokodilsrachen zu präsentieren - und sei es in der Form Lichtenbergscher "Halt-mir-die-Welt-vom-Pelz"-Aphorismen? Zeitungen, die Nachrichten, die uns täglich durch die offengehaltenen Gehirnsfenster hineinjagen, sie werden in der Beurteilung Lichtenbergs einsortiert in die "Kunst, Menschen mit ihrem Schicksale mißvergnügt zu machen". Robert Gernhardts Lichtenberg-Auswahl söhnt uns somit wieder mit dem Schicksal, auf diesem Planeten weilen zu müssen, großzügig und trostreich aus: Es gab und gibt auf diesem Erdball gottseidank Naturen wie Lichtenberg oder Gernhardt - kein Grund zum Stöhnen also, denn die anderen, die uns quälen und quälten, - die zählen wir besser gar nicht erst auf - und hoffen, sie schauten den Krokodilen in unseren Stadtgräben doch einmal etwas zu vertrauensvoll und allzu neugierig tief in den Rachen ...