"Der Balkan beginnt immer erst im nächsten Ort....."
Um das Jahr 910 regierte irgendwo im Hinterland der östlichen Adriaküste ein gewisser Tomislao, den Papst Johannes X. als König der Kroaten und Dalmatiner ansah. Obgleich über ihn keine weiteren Fakten bekannt sind, hat er als Statue Tomislav I. seinen Platz vor dem Bahnhof Zagreb erhalten. König Zvonimir, einer seiner Nachfolger, soll bei seiner Ermordung den Fluch ausgestoßen haben, dass das kroatische Volk diese Bluttat in tausendjähriger fremder Knechtschaft büßen soll.....
Nach einer kurzen Einleitung, in der Norbert Mappes-Niedieck die Eigenschaften, Seele und Mythen des Kroatentums vorstellt, eröffnet er das zweite Kapitel mit der Schachbrettflagge, dem Rosenkranz und dem Wunderbaum, die zusammen als "kroatische Dreifaltigkeit" nahezu an jedem Autorückspiegel baumeln. Der Leser erfährt, was im Land der Trink- und Rauchweltmeister und vier Nationalfeiertage mit "Rurbanisierung" gemeint ist und dass dort alles "das älteste auf der Welt" sei. Die Devise "Sag mir wo du herkommst, und ich sage dir, wie du denkst" wird ebenso hinterfragt wie die Geschichte Kroatiens, einschließlich der Verbrechen der faschistischen Ustascha. Die enge Bindung von Nationalem und Religiösem in einer multiethnischen Region als Vermächtnis des kuk- und jugoslawischen Vielvölkerstaates zwischen Adria und Balkan. Interessant ist die 1898 ausgestorbene, dem Italienischen verwandte Dalmatinische Sprache und die in Istrien heimischen Istro-Rumänen. Klischees werden bedient, Schönheiten des Landes beschrieben. Neben weiteren Ausflügen in die Geschichte, die kroatische Balkanallergie, Mythen und klassische Autostereotype, die Kroatien mit vielen anderen, kleinen Ländern gemeinsam hat, und eine nähere Betrachtung der Sprache, nimmt der "Vaterländische Krieg" (1991 - 1995) und die Verarbeitung seiner Folgen einen breiten Raum ein. Dem Zagreber Frühling 1971, Titos Politik und Position, Fussballrowdies als nationaler Avantgarde, dem Zerfall Jugoslawiens, dem Kampf gegen Korruption und Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, der Demokratisierung und der Etablierung eines pluralistischen Rechtstaates sind weitere Unterkapitel gewidmet. Weiterhin gibt es jeweils eine Landkarte des an ein "ausgefranstes Kipferls" erinnernden Staatsgebietes (Seite 10) und der zeitweiligen separatistischen "Republika Srpska Krajina" (S. 157)
Der ehemalige Sonderbeauftragte der UNO für Jugoslawien in Zagreb, Mappes-Niedieck kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass ihm an den Menschen in Kroatien - Kroaten, Serben oder sonstige - besonders gefalle, dass sie von den anderen verstanden werden wollen. Denn mögen sie auch nationalistisch sein, borniert sind sie jedoch nicht! Dem Autor ist es gelungen, ein differenziertes Bild einer Nation auf ihrem sicheren Weg nach Europa zu zeichnen, das manchmal auch augenzwinkernd zu einem Schmunzeln verleitend, auch versöhlich wirken kann.
Das Buch schließt mit einem "Who is who und what was when" für eilige Leser, den Basisdaten Kroatien 2008 und einem Abbildungsnachweis. Nach die "Balkan-Mafia"(2003) und "Die Ethno-Falle" ist dem - in der Steiermark lebenden - freien Korrespondenten eine weitere hoch informative und auch spannend zu lesende Analyse gelungen. Gleichermaßen empfehlenswert zur Vorbereitung einer Reise oder als Urlaubslektüre vor Ort, ist das Buch mit 5 Amazonsternen zu bewerten.