Ein Buch oder eine Ausstellung richtig zu kritisieren (oder zu loben) ist eine Kunst. Diese Kunst ist erlernbar. Wer sich dafür interessiert, wie man Kritik und Lob auf das Papier bringt, der sollte mit diesem Trainingsbuch (so der Untertitel) arbeiten. Es geht hier aber, anders als der Titel (Kritiken schreiben) vermuten lässt, nicht nur um die Technik des Schreibens. Der Autor bietet eine Einführung in das Beobachten und Schreiben, eigentlich gibt er eine Einführung in den Beruf des Kritikers.
Es sind im Kern vier Grundtechniken des Schreibens (und Beobachtens), die der Leser hier lernen kann. Zu allererst geht es um das Beschreiben eines Theaterstücks, Gemäldes oder eines anderen Gegenstandes aus dem kulturellen Leben. Die knappe und lebendige Darstellung dessen was man sehen, hören, schmecken und fühlen kann, ist die Grundvoraussetzung jeder Kritik. Nur wenn man den richtigen Ausschnitt findet, vergleichbar mit dem richtigen Fokus bei einer Fotografie, taugt eine Beschreibung für Kritik oder Lob.
Nach der präzisen Beschreibung und dem gut gewählten Ausschnitt folgt das Kontextualisieren bzw. das Symptomatisieren. Welcher kulturelle Trend drückt sich in dem Theaterstück, Buch, Gemälde oder in der Musik aus? Welche Entwicklung des Zeitgeistes lässt sich an diesem Beispiel beobachten? Der Kritiker muss sich das Umfeld und die Bezüge des Gegenstandes erarbeiten, oder besser, er sollte sie überhaupt sehen lernen. Darüber hinaus sollte er Texte seiner Kollegen zur Kenntnis nehmen und sich auch im Veranstaltungskalender seiner Stadt gut auskennen. Gegenstand der Kritik ist nicht ein Buch, ein Theaterstück oder eine Oper allein. Der Gegenstand der Kritik ist das kulturelle Leben, wenn man so will der Zeitgeist in seinen verschiedenen Ausprägungen.
Ohne einen weiteren wichtigen Schritt, die Reduktion des Stoffs und ein klares Urteil, kann eine Kritik oder ein Lob aber nicht funktionieren. Die Leser, es sei denn sie sind eingeschworene Fans von Die Zeit, erwarten keinen Roman, sondern - erneut geht es um den richtigen Fokus - ein schnell verstehbares übersichtliches Stück Text mit einer leicht verstehbaren Wertung. Für Allgemeinplätze, umständliche Umwege und Nebenkriegsschauplätze ist hier kein Platz. Ähnlich wie das Foto, das seine Geschichte auf einen Blick erzählt, sollte die Kritik präzise und übersichtlich sein.
Die Kür jeder guten Kritik ist ihre Erzählung, ihr roter Faden. Um es in den Worten von Marcel Reich-Ranicki zu sagen: eine Kritik ist ganz unabhängig vom dargestellten Gegenstand eine eigene Geschichte, die ihre eigenen Höhepunkte, Helden, Dramen, Feiglinge, Umwege und Schlusskapitel hat. Die Kritik ist kein Roman, aber eine Miniatur. Beobachtungen und Kontexte werden zu einem eigenen Erzählstrang verwoben, der den Leser auf seinem Weg durch den Stoff hindurch begleitet.
Diese vier wesentlichen Schritte für das Verfassen von Kritiken werden mit vielen Übungen und ausführlichen Text-Beispielen im Trainingsbuch ausgebreitet. Schritt für Schritt kann sich der angehende Schreiber vorantasten. Das aber ist es nicht allein. Stefan Porombka erklärt gleichzeitig, wie man selbst zum Schreiber werden kann. Die verschiedenen Techniken und Routinen beim Schreiben einer Kritik, sind nichts anderes, als die Techniken und Routinen eines Autors, mit denen er - wo er geht und steht die ihn umgebende Welt festhält und in Artikel, Bücher und Vorträge verwandelt. Das Verfassen von Kritiken ist schließlich in der Regel nicht nur eine Aufgabe nebenbei. Die journalistische Kritik ist ein Beruf und bei manchen Menschen wird sie auch eine Lebenshaltung.
Das zentrale Arbeitsmittel eines Kritikers ist sein Journal. Hier werden all die Beobachtungen und Anmerkungen notiert, die dem Kritiker tagtäglich in den Sinn kommen. Sie bilden den Rohstoff für seine Artikel und Bücher. Ich kenne kein anderes Buch, das sich mit den Regeln journalistischen Schreibens befasst, das so ausführlich und verständlich die Bedeutung eines Journals für den Kritiker hervorhebt. Ein Kritiker schreibt nicht zwischendurch einmal diesen oder jenen Artikel. Er schreibt, verwirft, korrigiert und liest wo er geht und steht, er beobachtet, analysiert und kommentiert die Welt in der er lebt den ganzen Tag lang.
Wer nach Anregungen und Tipps für die Techniken des Schreibens sucht, darüber hinaus aber erfahren will, wie man ein guter Schreiber wird, der sollte dieses Buch erwerben. Stephan Porombka versteht den Kritiker als eine Art Zeitgeist-Analytiker, der seiner Umwelt und sich selbst in einer nie endenden Reportage erläutert, was um ihn herum geschieht. Ein sehr empfehlenswertes Buch mit einem großen Thema, das für jedermann gut verständlich aufbereitet ist.