Mit der 'Kritik des gesunden Menschenverstandes' polemisiert der bekannte Wissenschaftspublizist Ernst.P. Fischer gegen ein allzu blindes Vertrauen in die Erkenntniskraft des unreflektierten Alltagsverstandes. Der gesunde Menschenverstand, wie ihn der Autor sieht, ist im Wesentlichen ein evolutionär gewachsenes Instrument, um sich bei Alltagsproblemen zurechtzufinden. Leider lässt sich dieser Apparat allzu leicht in die Irre führen, wie an einfachen Problemen demonstriert wird. Demgegenüber plädiert der Autor für ein gesundes Misstrauen gegenüber allzu einleuchtenden Erklärungsmustern und für die Anstrengung, aus dem 'bequemen Bett' der scheinbar selbstverständlichen Alltagslogik auszusteigen. Denn neue Erkenntnisse würden niemals im Einklang mit dem gesunden Menschenverstand erzielt sondern ausdrücklich nur gegen ihn. Eine Vielzahl von Beispielen aus der Wissenschaftsgeschichte belegt dies nicht nur eindrücklich sondern zeigt auch, dass selbst die Großen der Wissenschaft vor den Fallstricken der Allerweltsraison nicht gefeit waren.
Der Hauptteil des Buches gliedert sich in vier Kapitel: Irrtümer, Entstehung, Geschichte, Kritik. Der Autor gibt dem Leser zunächst Gelegenheit, an konkreten Beispielen zu erfahren, wie auch eine wissenschaftlich vorgebildete Person sich durch oberflächliche Scheinlogik auf's Glatteis führen lässt. Nachdem solche Irrtümer offensichtlich eher die Regel als die Ausnahme sind, schließt sich naturgemäß die Frage nach den evolutionsbiologischen Ursachen und dem Sinn des vorwissenschaftlichen Denkens an.
Der Autor behandelt diese Frage im zweiten Kapitel im Wesentlichen durch Bezug auf die Entwicklungstheorien Jean Piagets, wobei er bedauerlicherweise vergisst zu bemerken, dass Piagets Methodik aufgrund der schmalen Basis seiner Untersuchungen (seine eigenen drei Kinder) häufig als unwissenschaftlich kritisiert wurde und in der Gefahr steht, die Untersuchungsergebnisse durch Projektion einer intrinsischen Motiviertheit zu verfälschen. Außerdem wurde Piaget gegenüber auch der Vorwurf erhoben, Entwicklungsstadien weniger zu erklären als lediglich zu benennen. Beide Kritikpunkte führt Fischer an anderer Stelle als Indizien für die Tendenz des gesunden Menschenverstandes an, sich mit halben und damit letztlich falschen Erklärungen zufrieden zu geben.
Im dritten Kapitel gibt der Autor einen Überblick über die steinige Geschichte der Emanzipation der Menschheit von vorwissenschaftlichen Irrtümern hin. Er weist an dieser Stelle darauf hin, dass ontogenetische und phylogenetische Erkenntnisentwicklung in einem reziproken Verhältnis zueinander stehen, in dem Sinne, dass die zuletzt erworbenen Kategorien des Individuums die wissenschaftlich am frühesten hinterfragt wurden und umgekehrt. Hiermit hängt die Langlebigkeit fundamentaler Vorurteile der Alltagslogik zusammen, wie zum Beispiel die Gewohnheit, Atome als Teilchen zu betrachten.
Im vierten Teil schließlich ergreift er Partei für eine Position der evolutionären Erkenntnistheorie, die die Erkennbarkeit von Wirklichkeit insofern zulässt, als der kognitive Apparat eine in gewissem Maße gelungene Anpassung an die Wirklichkeitsstruktur darstellt. Die Fähigkeit, dessen Potential ausschöpfen zu können reicht Drauflosdenken jedoch häufig nicht aus. Unter Zuhilfenahme von Werkzeugen wie Experimenten und Formalisierungen zeigt sich so manche Aporie (Alle Kreter lügen)oder gar Wissenschaft (Psychoanalyse) als das, was sie ist: Ein Irrtum des gesunden Menschenverstandes.
Trotz seines polemischen Grundtenors ein recht gelungenes Plädoyer dafür, etwas strengere Maßstäbe an das eigene Urteilsvermögen anzulegen und leicht bekömmlichen Erklärungen zu misstrauen.