Meines Wissens wusste schon Sokrates, dass er nichts wusste. In ihrem Buch ?Kritik der ethischen Gewalt? nähert sich Judith Butler, weiser geworden, dieser menschlichen Ureinsicht an, nachdem sie uns bisher vor allem hat glauben machen wollen, alles sei Sprache, alles ? Ich, Geschlecht und jedwede andere Zurichtung ? sei also verstehbar als Wirkung hegemonialer Diskurse, die ihrerseits restlos aufklärbar und dann durch spielerischen Nichtgehorsam auch aushebelbar seien. Dem scheint nun also doch nicht so zu sein. Denn in ihren Frankfurter Vorlesungen kommt sie - nach gelehrten oder möglicherweise auch konfusen (wer wollte das beurteilen?), jedenfalls suhrkampkompatiblen Abhandlungen zu den Subjektkonstitutionstheorien Nietzsches, Hegels, Adornos, des späten Foucault, Laplanches, Cavareros, Lévinas? ? refrainartig darauf zurück, ?dass wir von Anfang an in einer Art von Beziehungshaftigkeit verstrickt sind, die sich nicht voll thematisieren, nicht voll der Reflexion unterwerfen und kognitiv erkennen lässt.? (137). Aha. Wusste ich das nicht schon? Als Theologin habe ich es natürlich leichter: ich nenne einfach alles, was ich nicht kapiere, ?Gott?, entscheide mich dann dafür, meinen frommen VorfahrInnen zu vertrauen, die mir versichern, Gott sei gut (z.B. Lk 18,19), und lebe fröhlich los, ohne mich um die moderne, tatsächlich leicht in Gewalt kippende Neurose, vor dem Handeln erst alles, vor allem aber sich selbst, lückenlos durchschaut haben zu müssen, weiter zu kümmern. Judith Butler aber ist keine Theologin, und deshalb hat sie es schwer. Bis zum Schluss verrät sie mir nicht, wie denn nun die Moraltheorie oder ?der Sinn der Verantwortung?(113) auf der Grundlage solch prinzipieller ?Undurchsichtigkeit? (116) ? ... neu zu denken ist?(113). Dabei hat sie so viel gelesen. Erstaunt hat mich, dass sie recht unkritisch mit Subjekttheorien umgeht, die das ganze Leben zum Trauma machen (Nietzsche, Laplanche), hingegen Arendts Ansatz der Geburtlichkeit nur ganz am Rande, vermittelt über Cavarero, thematisiert. Ist Butler, wie den meisten ihrer philosophischen Kollegen bis heute, etwa peinlich, dass Menschen nicht nur aus Diskursen, sondern aus Menschen kommen? Angesichts dieser unabschaffbaren Tatsache wirkt der Satz, mit dem Butler mich auf der viertletzten Seite ihrer Abhandlung überrascht, wo ich eigentlich erwartet hätte, dass endlich des Rätsels Lösung anhebt, geradezu grotesk weltfremd: ?Nicht jede Bedingung, unter der das Subjekt steht, kann revidiert werden, da nicht alle Bedingungen der Subjektbildung eingeholt und erkannt werden können, obwohl sie auf rätselhafte Weise in unseren ureigenen Impulsen fortleben.?(177). Wie gesagt: Schon Sokrates wusste, dass er nichts wusste. Aber dass wir geboren werden, und dass es dann erstmal eine Weile dauert, bis wir unserer selbst so bewusst werden, dass wir Rechenschaft über uns ablegen können, das wusste er meines Wissens. Schliesslich hat er das Denken von Diotima gelernt. Und auch Judith Butler wird noch drauf kommen. In diesem Sinne lässt ihr neues Buch hoffen.