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Der Stoff ist gut gewählt: Das Schicksal des Wiedertäufers Jan van Leyden, der sich im 16. Jahrhundert zum Diktator über das protestantische Münster aufschwingt, birgt ein Übermaß an Dramatik und ist in seiner ethischen Dimension auch heute noch von brennender Aktualität. Als Jan Beukels in der niederländischen Stadt Leiden aufgewachsen und mit großem rhetorischen Talent begabt, geht der Junge erst bei dem wohlmeinenden Kartäusermönch Gerrit tom Kloister in die Lehre und mausert sich schließlich zu einem erfolgreichen Kaufmann, der ganz Europa bereist. Zum Verhängnis wird ihm sein Charisma, dem seine Mitmenschen nur schwer widerstehen können.
Wo und wann immer Menschen einer Utopie erlegen sind, mussten sie scheitern und oft daran zerbrechen, gibt Schneider zu bedenken. Damit bringt er die Botschaft, die seinem Roman zugrunde liegt, auf den Punkt. Leider ist der Autor ebenso wie seine Figur vom Schwung der Ereignisse mitgerissen worden: Sprache wie Umfang des Romans sind ihm aus dem Ruder gelaufen und machen die Lektüre bisweilen zu einem eher anstrengenden Unterfangen. Bei aller Kritik sollte allerdings nicht vergessen werden, dass Schneider auf einem Niveau scheitert, das andere Schriftsteller nicht einmal anzustreben wagen. Insofern ist Kristus noch immer ein literarisches Ereignis. --Helge Basler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
"Sie wollten das Paradies und brachten die Hölle." Die Zeit scheint aus den Fugen im 16. Jahrhundert - Seuchen wüten, Luther predigt wider den Papst, und in Münster wollen die Wiedertäufer den Gottesstaat verwirklichen. Ihr prophetischer König ist Jan Beukels aus Leyden. Doch bald wird aus der Stadt der Frommen eine Hölle der Lebenden und Jan ihr grausamer Despot. Diese düstere Geschichte hat in Robert Schneider ihrensprachmächtigen Autor gefunden.
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Was die Lichtengel zu Despoten veränderte, darüber erfahren wir wenig. Diese Antwort nimmt uns der Autor nicht ab, was einige Kritiker verärgerte. Doch so absolut stimmt das ja gar nicht. Robert Schneider weigert sich bloss, die im Buch verstreuten Antworten auf ein paar kopierbare Seiten zusammenzufassen.
Jan van Leyden, der König von Münster, tritt als siebenjähriger Knabe in den Roman ein. Danach sind wir Zeuge seiner Biographie bis zum bitteren Ende. Wir sind Zeugen einer Zeit, die unendlich lang hinter uns zu liegen scheint. Aber wir sind nur selten Zeugen von den inneren Seelenwelten. Das hat mich ein bisschen enttäuscht, und ich brauchte einige Seiten und Pausen, bis ich mich damit abgefunden hatte und meine Erwartungshaltung korrigieren konnte. Dann aber las ich das Buch unter dem Blickwinkel der Machtausübung. Unterdrückung und Verführung der weltlichen und religiösen Kastenmitglieder. Wie Robert Schneider diese Instrumente und ihren Einsatz beschreibt, ist ganz grosse Klasse. Allein schon die Stellen über die Osterrituale der Machthaber lohnen die Lektüre. Goebbels muss solche Inszenierungen genau studiert haben. Und man stelle sich mal vor, bis 1500 hat das Volk Sätze nachgebetet, die es gar nicht verstand, alles Latein! Als ob in der Schweiz ausser meinen Freunden alle anderen Chinesisch sprechen und mir das Erlernen dieser Sprache verbieten würden. In solchen Beschreibungen erinnerte mich „Kristus" an „Schlafes Bruder".
Die Stärke des neuen Romans ist zugleich seine Schwäche. Die Bilder sind so gewaltig, dass sie lose im Freien hängen, aber den Weg zum seelischen Raum nicht finden. Man könnte einwenden, der Leser müsse eben die Brücken alleine schlagen. Okay, aber es sind zu viele. Zu viel Arbeit für den vollen Genuss möchte der Leser nicht investieren. 600 Seiten in der heutigen Hektik und beim heutigen Konkurrenzangebot zu lesen, ist ja auch nicht ohne.
Zur Bewertung: Fünf Sterne für die Sprachbilder und einzelne mehr als leckere Stellen, drei für die Gesamtkomposition und die Einfühlung in die Personen. Macht vier Sterne. Das schöne an diesem Besprechungsspiel ist ja, dass andere auch wieder andere Schwerpunkte setzen. Denn das ermöglicht Robert Schneider mit Leichtigkeit, den eigenen Glaubensvorstellungen zu folgen.
Und noch ein Quertipp zu dieser Zeit: John Vermeulen, Der Garten der Lüste. Roman über Leben und Werk des Hieronymus Busch.
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