Wer in diesem Buch den Nachfolger von "Schlafes Bruder" sucht, wird wohl bitter enttäuscht werden. Dieses Buch ist anders, weniger verträumt, romantisch, dafür grausam, dicht der geschichtlichen Überlieferungen folgend, zynisch und darauf bedacht die Schattenseite der menschlichen Seele zu entblößen. Ich hatte nie das Gefühl, dass es sich hierbei um einen "unterhaltsamen Mittelalterschmöcker" handelt, sondern dass uns der Autor auf etwas hinweisen möchte, auf etwas, was sich immer wieder in der Weltgeschichte wiederholt hatte und sich auch zukünftig wiederholen wird. Dabei wurde es mir völlig unwichtig, einer Geschichte zu folgen, sondern den Werdegang eines Psychopathen.
Auffallend war hierbei, dass der zweite Teil des Buches sich im Charakter geändert hat. War der erste Teil noch davon geprägt, den naiven und schwermütigen Jan Beukels von der Kindheit bis hin zum Täuferbekenntnis zu begleiten, war im zweiten Teil der Protagonist aus dem Fokus der Geschichte gerückt, um den Geschehnissen in und um Münster Raum zu verschaffen. Mit hinzugekommen sind eine ganze Reihe von Personen, die zur menschlichen Tragödie beigetragen hatten, wie etwa der Graf Waldeck, dem für Krieg das nötige Talent und die Tüchtigkeit gefehlt hatte, Bernt Knipperdolling, der eitle Gewandschneider, der nie Achtung in der Gemeinde der Täufer bekommen hatte oder gar Else Wantschers, deren Liebe der psychopathische Jan Beukels (van Leyden) nie erwidern konnte. Gerrit tom Kloister nahm meiner Meinung nach eher die passive Rolle des Kommentators ein, die Stimme des Gewissens und der Weisheit. Oftmals wankte die Geschichte zwischen Orwells "Farm der Tiere" und "Der Untergang" (Bruno Ganz i.d. Hauptrolle). Mit der Belagerung Münsters nahm die Katastrophe ihren Lauf. Erst gehen alle Lebensmittel in der Stadt zu neige, dann scheitern eine ganze Reihe an Versuchen, die Stadt zu erstürmen und zu Letzt ließ der selbst ernannte König (Tyrann) von Münster Menschen wegen Nichtigkeiten hinrichten. Doch bleibt hierbei das "Warum" und "Wie-konnte-so-etwas-nur-passieren" nicht weiter ungeklärt. Sehr subtil zeigte der Autor die Stationen des Wahnsinns auf, der anfing mit der Suche nach dem Lebenssinn und der Verzweiflung, dem Einflechten des Irrglaubens der Wiedertäufer, dem Verlust der Realität, der Entstehung des absoluten Weisheits- und Meinungsmonopols und die endlose Bekämpfung der inneren Feinde. Schnell wird einem hierbei klar, dass das einem alles sehr bekannt vorkommt. Angefangen bei dem Kommunismus, der im Klassenkampf ebenfalls paradiesische Visionen propagierte, die sich allesamt als Utopien herausgestellt haben, der Naziherrschaft, die in der "Wollt-Ihr-Den-Totalen-Krieg-Endphase" des Zweiten Weltkrieges Millionen von Menschen in den Tod trieben, obwohl der Krieg schon mehr als hoffnungslos verloren war, dem Talibanregime, das die Musik, alle Sinnesfreuden und vor allem ihre eigenen Frauen als größte Bedrohung ansah und gerade sie so grausam gequält und ermordet hatte, oder aber auch die Zeugen Jehovas, die in ihrer eigenen Wahrheit leben und ihre Mitglieder durch Angst vor dem bevorstehenden Weltuntergang (was sich bisher natürlich immer als Quatsch herausgestellt hatte) unterdrücken und von der "satanischen" Außenwelt isolieren.
Hieraus ergab sich ein intelligent geschriebener Roman, der nicht nur Robert-Schneider-Fans wärmsten empfohlen ist. Klar, dass das kein Stoff ist, aus dem schöne Romane entstehen. Die Geschichte ist grausam, doch sehr lehrreich.