I. Zorn war klug genug, dieses Album nicht "Holocaust", "Shoah" oder gar "Auschwitz" zu nennen. Er setzt da an, wo für die breite, auch internationale Öffentlichkeit das Programm des Dritten Reiches offen und mit klirrender Wucht zutage trat. Mit der Kristallnacht ist Auschwitz jedoch mitgemeint und jede Form von (nicht nur physisch spürbaren, auf Zerstörung des Körpers abzielenden) Antisemitismus. Diese Befeuerung ist mitunter kaum auszuhalten und via Kopfhörer sogar ohrenschädigend. Sie bedient nicht das Prinzip Betroffenheit, ist kein Requiem, schon gar nicht "Holokitsch" (Art Spiegelman). Zorn macht es einem nicht leicht. Wie darf ich das Stück "Barzel (Iron Fist)" verstehen? Ist das "zugespitzter Zionismus" im Sinne der Jüdischen Verteidigungsliga ("Gewalt als letztes Mittel")? Warum dann aber nur zwei Minuten lang? Ist auch diese Kürze ein Statement, wenn ja, wofür?
II. "Happiness is irrelevant. Happiness is for children (...). I'm not striving for happiness, I'm trying to get some work done. And sometimes the best work is done under doubt." (John Zorn, Sommer 2002).
III. Hitler spricht im Eröffnungsstück, womöglich das beste in Zorns Werkkosmos. Zur "Entarteten Kunst", was hier so nahe liegend ist wie sonst nichts, und das heisere, gesampelte Brüllsprech wird zum Sound: "Das ganze Kunst- und Kulturgestotter von Kubisten, Futuristen, Dadaisten ist weder rassisch begründet noch volklich erträglich. Es ist als Ausdruck einer Weltanschauung zu werten, die von sich selbst zugibt, dass die Auflösung aller Begriffe, aller Völker und Rassen (...)" Hitlers Stimme wird Musik oder - wohl eher zutreffend - stört die Musik und färbt das klezmerartige "Shetl (Ghetto Life)" dunkelbraun ein. Am Ende kratzig und unwirklich: Lili Marleen in der Original-Version, Durchhalteschmalz, Nazirealität im Unterhaltungsformat. Und die letzten Sekunden, knapp oberhalb der Wahrnehmungsgrenze: Charlie Chaplin als großer Diktator.
IV. Darauf folgt Vernichtung. "Never again" ist mit fast 12 Minuten eine Tortur, soll eine sein, und zwar eine, die ich nie wieder hören will. Noisekrawallisten wie der japanische Merzbow haben keinen vergleichbaren Graus fabriziert. Zerberstendes Kristall, in der höchsten denkbaren Tonlage, in ein schmerzendes Extrem gepitcht, von akustischer Vergewaltigung darf man ruhig sprechen. Wer soll all die Scherben wieder auffegen? Konzeptionell ist dieser Track an Originalität unübertrefflich, Musik ist es indes nicht. Deshalb ist "Kristallnacht" in aller Vollständigkeit ungenießbar. Aber Zorn wollte keine goutierbare Abstraktion, er will uns vielmehr mit Blut, Speichel und Scharfkantigem bewerfen. Zwar spielt Mark Feldman seine Violine, aber von der Geigenseligkeit wie in der Partitur zu "Schindler's List" sind wir weit genug entfernt.
V. Er liefert nicht das ab, was man erwartet, selbst dann nicht erwartet, wenn man weiß, was er beabsichtigt. Das abschließende Stück beginnt mit Percussioninseln und ähnelt entsprechenden Passagen aus dem Score zu "The Outlaw Josey Wales" von Jerry Fielding, geht dann unerwartet in einen aggressiven Instrumental-Rock über, der mit dem Staat Israel und der Siedlungspolitik gar nichts zu tun haben kann, auch wenn der Titel uns eine andere Lesart aufdrängen will. Fast habe ich den Eindruck, dass Zorn das Thema verlassen will. Er hält es nicht durch, oder er tut es und ich kann ihm nicht folgen. Wahrscheinlicher ist letzteres.
VI. Das riesenhafte Masada-Projekt nahm hier seinen Ursprung. "Tikkun (Rectification)" könnte eine Vorform der speedigen, spleenigen, gehetzten Stücke wie "Kibi" (siehe "Book of Angels Volume 2") sein.
VII. Dieser Absatz musste gestrichen werden. Er bezog sich auf eine französische, neonazistische Black-Metal-Band, die den gleichen Namen trägt wie diese Arbeit von Zorn und volksverhetzende Texte gebrüllt hat. Suchen Sie nach dieser Gruppe und der EP "Warspirit". Sie werden sich wundern, wo man offen Antisemitisches überall downloaden kann. Ich war und bin entsetzt.
VIII. Die ersten Takte gehören Frank Londons Trompete, dazu gesellt sich David Krakauer auf der Klarinette, die wie ein Saxophon klingen kann. Dieser Beginn ist unübertrefflich, das ist umgedeuteter Klezmer, nicht unbedingt leidvoll, aber Optimismus und Leichtigkeit sind trotz des eher traditionellen Tones sehr weit weg. Lediglich beim neunminütigen "Tzfia (Looking Ahead)" kommen London und Krakauer wieder zusammen, und das ist der mit Abstand blockartigste, komplexeste Track in diesem siebenteiligen Martyrium. Ohne diese beiden Stücke wäre die Gesamtkomposition vermutlich misslungen, ein einziger ästhetischer Zweifel ohne Richtung, ohne Rückhalt. Doch da es sie gibt, hört man etwas Großes, auch dann, wenn Zorn in allzu bewährte Muster seines Personalstils zurück fällt.
IX. Mein Exemplar ist nicht auf Tzadik erschienen, weil es das Label 1993 noch gar nicht gab, sondern bei Eva Records. Später wurde "Kristallnacht" auf Tzadik wieder veröffentlicht.
X. Natürlich ist Zorn gescheitert mit "Kristallnacht". Was haben Sie erwartet? Es gibt keine adäquate Musik für das, was passiert ist. Wer sie erfinden könnte, muss ein Monstrum sein oder überschätzt seine Fähigkeiten in grotesker Weise.
XI. Niemand sonst hätte dieses Wagnis eingehen können außer John Zorn. Doch ich erwische mich bei dem Gedanken, dass er noch viel radikaler hätte sein können. Er hätte eine Platte schaffen können, die bis auf die ersten fünf Minuten völlig unhörbar, giftig ist, nirgendwo abgespielt werden kann, die womöglich den CD-Player von innen zersetzt, oder denjenigen, der sie einlegt, an der Hand verletzt. Ich hätte auch dafür trotzdem Geld ausgegeben. Für eine Musik, die ich gar nicht einlegen will. Man kann auch in Symbole investieren.