Der Gott, die Dichterin und der Maharaja
Kiran Nagarkars Neufassung eines indischen Mythos
Anfang der siebziger Jahre erschien auf Marathi eine der bedeutenden Literatursprachen Indiens das schmale Erstlingswerk eines Autors namens Kiran Nagarkar mit dem mysteriösen Titel «Sieben mal sechs ist dreiundvierzig». Die Wirkungsgeschichte dieses Romans verrät viel über die Muster literarischer Rezeption in unserer Zeit. Denn Nagarkars Buch revolutionierte nicht nur das literarische Marathi; die scharfen Erzählfragmente, das wilde Himmel-und-Hölle-Spiel und die durcheinander gemischten Sprachebenen fügten sich zu einem brillanten Porträt des Molochs Bombay, das manche Techniken des etwa zehn Jahre später schreibenden Salman Rushdie vorwegnahm. Doch anstatt als ehrfurchtsloser Geniestreich seinen Weg durch die internationale Buchszene zu machen, wurde dieser Roman kaum wahrgenommen. Erst viel später im marginalisierten Bereich «Dritte-Welt-Literatur» in englischer Übersetzung erschienen, konnte er nie ein Publikum finden. Als Nagarkar seinen zweiten Roman («Ravan & Eddie») gleich auf Englisch schrieb, schaufelte er sich zu Hause sein eigenes Grab, denn die regionalen Chauvinisten warfen ihm Verrat vor und boykottierten ihn von nun an. Zudem wurden einige seiner Theaterstücke jahrzehntelang verboten, weil sie angeblich «religiöse Gefühle» verletzten. Man könnte Kiran Nagarkar zu Recht als einen der Geheimtipps der indischen Literatur bezeichnen. Im Gegensatz zu den ersten beiden Romanen, die sich dem heutigen Bombay widmen, ist «Krishnas Schatten», Nagarkars letzter und mit Abstand umfangreichster Roman, in Rajasthan Anfang des 16. Jahrhunderts angesiedelt. Historische Romane sind ja oft schwerfällige Brocken, weil ihnen die langjährige Recherchearbeit des fleissigen Autors zu sehr anzumerken ist, der jede Nische und jeden Spalt seiner Erzählung mit Details voll stopft oft ungeachtet ihrer Notwendigkeit. «Krishnas Schatten» hingegen wirkt trotz seinen 700 Seiten leichtfüssig, so als wollte der Autor seine vielen ernsten Themen in frivoler Verkleidung an der launischen Aufmerksamkeit des Lesers vorbeischmuggeln. Gewiss, Nagarkar weiss viel über das Reich Mewar, dessen Hauptstadt Chittor und die vielen sozialen und politischen Konflikte der damaligen Zeit. Aber wie ein meisterhafter Musiker, der seine technische Beschlagenheit ins Unbewusste zurückdrängt, um befreit aufspielen zu können, füttert dieses Wissen die Erzählung, ohne sie zu dominieren. Offenes Liebesdreieck Geschichte an sich ist selten das zentrale Thema eines Romans. Auch in diesem Fall wird die Handlung aus der Vergangenheit destilliert und mit gegenwärtiger Erfahrung angereichert, um das Grundmotiv von Liebe und Macht zu variieren. Im Mittelpunkt steht ein ungewöhnlicher Ménage à trois: Ein Mann liebt seine Frau, die Frau liebt einen Gott, Gott liebt nun, das bleibt offen. Die Figur der Dichterin Mirabai und ihre Hingabe an Krishna sind indischen Lesern wohlbekannt, und es steht zu befürchten, dass der politisch provokante Aspekt dieses Buches, die apokryphe Neufassung eines kanonisierten Stoffes, vielen deutschsprachigen Lesern entgehen wird. So berühmt dieses Liebespaar ist, so sehr schweigt sich die Hagiographie über den gehörnten Ehemann aus. Offensichtlich hat sich Nagarkar vorgenommen, diesen weissen Fleck zu kartographieren anhand einer intimen Beichte, in der sich Maharaj Kumar, Prinz von Chittor, direkt an den Leser wendet und unverblümt Rechenschaft ablegt. Weil er sich nie zum Propagandisten seines eigenen Ruhms macht, entwickelt der Leser bald eine freundschaftliche Beziehung zu diesem vernachlässigten Ehemann und unterschätzten Führer, zu diesem Visionär, dem das Schicksal übel mitspielt. Als Erstgeborener muss er ständig auf der Hut sein vor den Intrigen seiner vielen Feinde am Hof; als Ehemann lebt er mit einer sensiblen und hochbegabten Frau zusammen, die eigentlich perfekt wäre, würde sie sich auch nur ein einziges Mal ihm widmen und hingeben. Man empfindet Mitgefühl für diesen Mann und sein Unverständnis für die religiöse Besessenheit seiner Frau. Und obwohl sich die Erzählperspektive selten von der Sicht des Maharaj Kumar löst, wird einem auch der heilige und zugleich einsame Irrsinn von Mirabai nahe gebracht, jene übersteigerte Form des Bhakti-Kultes, des spirituellen Verschmelzens mit einer Gottheit (zumeist der liebende und verführende Krishna). Höfische Intrigen Wer nun eine Überdosis Esoterik befürchtet, muss sich nicht sorgen. Denn Nagarkars Augenmerk gilt noch viel mehr den Strategien der Machtausübung am Hofe Mewar, über die er so vielfältig reflektiert, dass sich der Roman teilweise wie eine literarische Illustration der «Arthasashtra» liest, jenes altindischen Klassikers, der Machiavellis «Der Fürst» an Umfang und Tiefsinn überbietet. Die politische Landschaft jener Zeit erweist sich als komplex: So werden die Feldzüge der muslimischen Fürsten von den mächtigen Handelshäusern der Jain (einer Glaubensgemeinschaft, die radikale Gewaltlosigkeit vertritt) finanziert. Fast nebenbei desavouiert Nagarkar die populäre Behauptung, die indische Geschichte sei bestimmt worden von dem Kampf des Hinduismus gegen den Islam. Die beschriebenen Spionagenetze, Kniffe und Schikanen sind teilweise von atemberaubendem Einfallsreichtum. In einer Szene verkauft Kumar einen abgefangenen, konspirativen Brief seines Bruders für viel Geld an den Feind, wodurch er nicht nur seine momentanen Geldsorgen lindert, sondern auch für analytische Verwirrung beim gegnerischen General sorgt. Dieser dichte Teppich wird elegant angezettelt. Nagarkar, ein Liebhaber der klassischen indischen Musik, scheint sich an der Virtuosität der Raga-Spieler zu orientieren, die dem Zuhörer jede Note einzeln vorstellen, um dann bis zur Ekstase zu improvisieren, wobei jedoch stets jede Note klar herauszuhören ist, frei von wabernden Clustern und harmonischen Nebelbänken. Es gäbe noch manches zu loben an diesem wunderbaren Schmöker: die ungewöhnlichen erotischen Szenen etwa, ein wichtiges Moment innerhalb der selbstbewussten Deklination von unerfüllter Sehnsucht, von Lust und Verlust. Oder die gewitzte Neufassung indischer Mythen sowie die spannende Abenteuergeschichte, die den ganzen Roman grundiert. Und unbedingt zu erwähnen wären die klaren, unprätentiösen Dialoge, bei denen Nagarkar auf eine frische, zeitgenössische Sprache setzt, anstatt altertümliche Diktionen nachzuahmen. Mit grosser Verspätung ist dieser Autor, der sich vor keinem der gegenwärtigen Stars der indischen Literatur zu verstecken braucht, im deutschen Sprachraum angekommen. Zu hoffen bleibt, dass sich diese Reise erfolgreich fortsetzt, getreu dem Gujarati-Sprichwort: Selbst wo die Sonne nicht hin reicht, gelangt der Dichter hin. Ilija Trojanow
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
"Nagarkar entfesselt ein von Liebe und Gewalt grundiertes erzählerisches Spektakel, das von einem Reigen herrlicher Frauen und mutiger Männer durchzogen ist ... blendend übersetzt." Renate Schostack / Frankfurter Allgemeine Zeitung „Nagarkar, ein Liebhaber der klassischen indischen Musik, scheint sich an der Virtuosität der Raga-Spieler zu orientieren, die dem Zuhörer jede Note einzeln vorstellen, um dann bis zur Ekstase zu improvisieren, wobei jedoch stets jede Note klar herauszuhören ist ... Es gäbe noch manches zu loben an diesem wunderbaren Schmöker: die ungewöhnlichen erotischen Szenen etwa, ein wichtiges Moment innerhalb der selbstbewussten Deklination von unerfüllter Sehnsucht, von Lust und Verlust. Oder die gewitzte Neufassung indischer Mythen sowie die spannende Abenteuergeschichte ... mit klaren unprätentiösen Dialogen, bei denen Nagarkar auf eine frische zeitgenössische Sprache setzt. “ Ilija Trojanow / Neue Zürcher Zeitung „Kiran Nagarkar, ein hinduistischer Atheist, den »die Religion nicht loslässt«, verknüpft historische Ereignisse mit den großen Erzählungen Indiens. »Was wir nackte Fakten nennen«, erklärt er, »suggeriert Eindeutigkeit, Folgerichtigkeit, Rationalität. Die Geschichte aber ist von Menschen gemacht. Und die sind keine Vernunftwesen. Nur im Erzählen scheint etwas von der Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit auf, die der Wahrheit nahe kommt. “ Petra Hallmayer / Süddeutsche Zeitung