Dieses Buch wurde vom Krisennavigator, einem Institut für Krisenforschung ("Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) heraus gegeben. Pro Jahr ereignen sich alleine in den vier deutschsprachigen Ländern Europas (Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein) zwischen 220 und 260 kritische Situationen. Nur jeder vierte dieser Krisenfälle gehört dabei in die Kategorie "großer Krisenfall" mit nationaler und internationaler Beobachtung durch die Medien. Nichtsdestotrotz können auch kleinere Krisenfälle den Unternehmen die Reputation kosten, insbesondere wenn die Medien eingeschaltet sind. In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist auch noch, dass zwar die Zahl der Krisen seit Mitte der 80er Jahre um etwa ein Prozent pro Jahr sinkt, während der Kommunikationsaufwand pro Krisenfall aber immer weiter steigt.
In diesem Buch werden 14 ganz unterschiedliche Krisen aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln aufgezeigt. Das ist einerseits eine Stärke des Buches, aber auch gleichzeitig eine Schwäche, weil insbesondere der letzte Teil des Buches, wo es um Risikomanagement und Insolvenzen geht, stark Controlling bzw. Finanz- und Rechnungswesen lastig ist und nicht unbedingt für Leser, die nicht so stark im Thema eingebunden sind, gut verstanden werden kann.
Den ersten Artikel zum Thema "Stromausfälle im RWE Netz Westfalen-Weser-Ems" fand ich sehr interessant, weil ich mich auch noch gut an diese Novemberwoche im Jahr 2005 erinnern konnte und einem die Ereignisse noch mal präsent vor Augen geführt werden. Außerdem kommt hier noch eine Sache hinzu, dass die Stromausfälle zwar relativ schnell behoben werden konnten, RWE aber in einen Medienstrudel hinein gezogen wurde, der bewirkte, dass alle Nachrichten "geframt" wurden, was bedeutete, dass in den Medien der Tenor laut wurde, RWE hätte eine Preiserhöhung durchgeführt, die eine Abzocke war und RWE somit nicht mehr glaubwürdig erschien. Wie diese Krise bravourös gemeistert werden konnte, kann man in dem Artikel nachlesen.
Interessant war auch der Artikel über das Brandunglück am Düsseldorfer Flughafen im April 1996. Die Krise wirkte hier als "Initial für umfassende strukturelle Veränderungen in einer Systemorganisation". Sehr spannend war auch das Thema "Krisenkommunikation und Presserecht", d.h. wie kann sich ein Unternehmen gegen unerwünschte Berichterstattung zur Wehr setzen und was ist der Unterschied zwischen Meinungsäußerung und Tatsachenbehauptung. Auch der Artikel zum Thema "Touristisches Ereignis- und Krisenmanagement bei der TUI" war spannend zu lesen, weil alle wichtigen Themen, wie Einordnung der Krisen in Risikogruppen, Auswirkungen der Krise, sowie Krisenprävention und -antizipation (Krisenplan, -handbuch, Krisenstab, Krisenkommunikationsplan) am Beispiel der Tsunami Katastrophe dargestellt wurden. Interessant fand ich auch den Artikel über das QS-Prüfsystem für Lebensmittel und die Lebensmittelkrisen in Deutschland und angrenzenden Ländern. Außerordentlich gut geschrieben war auch der Artikel über das Ereignis- und Issues Management bei Bertelsmann und SwissRe, wo es um die Identifikation von Issues (=Themen) ging und wie diese dann mittels eines IT-basierten Management Systems heraus gefiltert und bearbeitet werden. Bei dem Artikel über Motorola gefiel mir die graphische Darstellung der Risikoeinschätzung unterschiedlicher Ereignisse. Auch der Artikel über T-Mobile zum Thema der öffentlichen Diskussion über die "Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt" (EMVU) war interessant geschrieben und enthielt viele Links zu Internetportalen, die sich mit dem Thema beschäftigen.
Alles in allem ein interessantes Buch zum Thema Krisenmanagement. Aber aufgrund der extrem unterschiedlichen Bandbreite an Themen gibt es einen Stern Abzug, da einige Artikel nicht für jedermann geeignet sind.