In seinem Buch "Die Krise hält sich nicht an Regeln - 99 Fragen zur aktuellen Situation - und wie es weitergeht" beantwortet der Krisenprophet, Börsianer des Jahres 2009 und Hedgefonds-Manager Max Otte Fragen von Thomas Helfrich rund um Politik, Zukunft und sinnvollen Geldanlagen in Zeiten der Krise. So sieht auch Otte China als die Supermacht der Zukunft (S.24). Der US-Dollar ist für Otte tendenziell eine Schwachwährung, deren Richtung nach unten weist (S. 93). Inflation und Dollarabwertung können den Deutschen, Europäern, Japanern und zuallererst den Chinesen nicht gefallen, weil sie so hohe Bestände an Dollaranleihen haben. Im Falle einer Geldentwertung würden diese Gläubiger also verlieren. (Nach Angaben von Daniel D. Eckert könnte eine Inflation von 5 % dem US-Dollar seine Rolle als Weltwährungsreserve noch etwas länger gewähren. Ob sich Inflation so beeinflussen lässt, bleibt fraglich (S. 85 in Weltkrieg der Währungen). Stellt sich auch die Frage, ob die Chinesen nicht vorher den US-Dollar abschmieren lassen, um den Yuan als Leitwährung zu installieren.- D.V.). Nach Otte hätte Griechenland während der Krise Insolvenz erklären müssen. Eine Insolvenz mit folgender Umschuldung sei nach Otte der beste Weg (S.94). Das 750-Mrd.-Euro-Porgramm ist für Otte der Einstieg in die Inflationsgemeinschaft (S.71), da Politiker lieber den Weg des geringeren Widerstandes gehen würden und dies sei hier Inflation statt Deflation. Deflation ist kaum unter Kontrolle zu bringen ist (S. 77). Der Maastricht-Vertrag hat für Otte deflationäre Impulse (S.104). Das EU-System hält Otte außerdem für sehr undemokratisch (S. 133). Otte fordert eine EU-weite, staatliche Rating-Agentur (S. 155). Den Euro zur Schicksalsfrage der EU hoch zu stilisieren, hält Otte für völligen Quatsch (S. 92). Für völligen Quatsch hält Otte auch die Behauptung, dass die Rettung von Lehman Brothers alles nicht so schlimm hätte werden lassen (S. 173). Das Risiko sei vielmehr systemisch und daher sei mit der Pleite von Lehman Brothers nur ein bisschen Luft aus der Blase gewichen. Ein drohender Staatsbankrott Spaniens oder Italiens würde die EU mit Sicherheit überfordern. Das Europäische Währungssystem (EWS) mit festen, aber anpassungsfähigen Wechselkursen, das wir von 1979 bis 1998 hatten, hält Otte für wegweisend (S.91). So wäre es für die betroffenen Länder günstig, sie könnten ihre Währung abwerten (S.101).
Otte nennt 3 Punkte, um zukünftige Blasen zu reduzieren (S.77 f.). 1. sei ein ausreichendes Eigenkapital in Höhe von mindestens 6 % oder etwas mehr (S. 58) bei Banken, Hedgefonds oder Private Equity Fonds notwendig. Dazu müsste auch Basel II geändert werden. 2. sei eine Finanztransaktionssteuer erforderlich. 3. müsse das Verbot des Eigenhandels für große Banken oder die Regulierung von Derivaten für Privatanleger geändert werden. Und 4. sei ein neuer internationaler Währungsfonds, ein neues Bretton Woods notwendig, um Mechanismen für halbwegs stabile Wechselkurse und den Zahlungsbilanzausgleich zwischen den teilnehmenden Staaten zu schaffen (S. 50, S. 78). Ähnliches hatte Keynes 1944 mit der International Clearing Union (S. 178) vorgeschlagen. Otte meint, dass Weltwirtschaft, Finanz- und Devisenmärkte bis in die 60er und 70er Jahre viel langweiliger, aber auch stabiler waren (S.29). Erst mit Reformen Ende der 70er Jahre lief die Weltwirtschaft aus dem Ruder. Wesentlich ausschlaggebend war demzufolge die Freigabe der bislang festen Wechselkurse durch US-Präsident Nixon. Otte meint auch, dass die Rezepte, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und nach 1945 Deutschland zu einer führenden Industrienation gemacht haben, mit dem derzeit praktizierten Neoliberalismus über Bord geworfen werden (S. 8, S. 45). Die staatliche Lenkung, staatliches Management von Unternehmen hält auch Otte für möglich und für überlegenswert (S. 136). Dieses System ist als Stamokap (staatsmonopolistischer Kapitalismus) bekannt (S. 27). Banken, die mit Steuergeldern gerettet wurden, sollte man auch verstaatlichen (S. 114), so Otte. Ein bereits als gut getestetes System dafür und zur Aufspaltung bankrotter Banken sei das schwedische Modell, das auf den Seiten 59 bis 62 beschrieben wird. In China und arabischen Ländern ist ein staatlich gelenkter Kapitalismus durchaus erfolgreich (S. 40). Dazu erzählt Otte auch die Erkenntnis, dass die Finanzmärkte nicht wirklich Produktivität erzeugen, sondern nur ein Spielkasino darstellen (S. 18, S. 29, S.51, S. 89, S. 98, S. 121). Oder mit den Worten des Universalökonomen Peter Drucker zu Aktienbrokern ausgedrückt: "Sie sind ein total unproduktives Pack, das nur dem leichten Geld hinterher jagt... Wie Schweine, die am Trog stehen und sich voll fressen (S. 70). " Verbriefte Produkte, die zwischen 2002 und 2006 zu 40 bis 60 % der Gewinne der Wall Street ausmachten und wesentlich zur Krise beitrugen (S.18), werden wieder gehandelt und sind so toxisch wie zuvor.
Den Krieg in Afghanistan hält Otte für sinnlos (S.39). Das von vielen Linken geforderte bedingungslose Grundeinkommen hält Otte für abwegig, da sich das ganze Modell durch Verbrauchssteuern wie die Mehrwertsteuer finanziere. Ärmere müssen jedoch das gesamte Geld für Konsum ausgeben, Reiche hätten so im Vergleich mehr Geld übrig, wenn nur der Verbrauch besteuert wird. Reiche würden reicher, Arme ärmer (S. 137). Instrumente des Leerverkaufs sollten laut Otte begrenzt und strenger reguliert werden. Ungedeckte Leerverkäufe sollte man verbieten und auch das PC-Trading hält Otte für absolut schädlich (S. 83). Derivate und Zertifikate wie Discountzertifikate sollten ebenfalls verboten oder sehr streng reglementiert werden (S. 205). Auch die Bankenabgabe ist nach Otte Augenwischerei. So müssen alle Banken, auch Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken, die über genügend schützendes Eigenkapital verfügen, in einen Topf einzahlen (, der im Krisenfall nicht ausreichen wird - D.V.). Dabei wird nicht unterschieden zwischen spekulativen Investmentbanken, wie der Deutschen Bank, und den Kreditbanken. Ausgenommen sind Verursacher der Krise wie Hedgefonds, Versicherungen oder Private Equity Fonds (S. 32). Gerade bis 1990 hatte Deutschland wenige Großbanken, viele Sparkassen und Genossenschaftsbanken, welche sich als für die Region verantwortliche Banken auszeichneten und nie Verbriefungen aus den USA genommen hätten und haben. Es hätte keine Finanzkrise mit diesen kleinen Banken gegeben (S. 64). Volks- und Raiffeisenbanken haben so ein Eigenkapital in Höhe von 8 bis 10 %. Otte mahnt auch an klarere und einfachere Bilanzregeln für die Realwirtschaft zu schaffen (S. 69). So hat ein Hedgefonds, der zockt und schadet, weniger Berichtspflichten und eine undurchsichtigere Buchhaltung als ein mittelständischer Betrieb (S.160). 95 % unserer Unternehmen befinden sich im Mittelstand. Dort sind die so genannten Hidden Champions, die bei Fehlentscheidungen das gesamte Vermögen und die Existenz verlieren können. Ein Top-Manager verliert in diesem Fall nur seinen Job (S.159). Grundsätzlich hält Otte alle 3 linken, deutschen Parteien für wählbar (S. 134 ff.). Die FDP und andere Parteien betreiben laut Otte eine Anti-Mittelstandspolitik Otte regt auch dazu an in Deutschland einen Staatsfonds nach norwegischem Vorbild zu schaffen, um die deutschen Auslandsüberschüsse in Aktien und Sachwerten nachhaltig zu investieren. Dies sei auch angesichts einer alternden Bevölkerung notwendig (S. 107).