Was sagt man wohl zu einem kriminologischen sogenannten Lehrbuch, dass es auffällig angestrengt vermeidet, auch nur ein Wort über Autoren wie Michel Foucault ("Überwachen und Strafen", "Mikrophysik der Macht" und zahlreiche Schriften in den Dits et Ecrits II und III]]) oder Louk Hulsman ("Critical Criminology and the Concept of Crime", "The Abolitionist Case: Alternative Crime Policies") oder weniger bekanntere wie Bruce Jackson ("Law and Disorder"), das wirklich unter Schweißausbruch vermeidet, auch nur ein einziges ernstgenommenes Wort über diese Autoren zu verlieren? Ich würde das mal mit dem englischen Begriff deception bezeichnen, jedenfalls mindestens mit Vorenthaltung mit der Prämie der Verblendung.
Keineswegs ist alles so sicher, wie es in diesem "Lehrbuch" dargestellt wird.
Und keineswegs ist alles so ethisch hinnehmbar, wie angezeigt wird.
Bspw. solche wunderbaren Thesen, "schlecht konditionierbare" Kinder seien potentiell anfälliger für Straftäterschaften...Lesern politischer Wissenschaftler wie bspw. Hannah Arendt oder kritischer Philosophen wie Theodor Adorno drehen sich hier die Nägel in die Füße zurück.
Was will man denn am liebsten, wenn man schlecht-konditionierbare Kinder nicht will? Gut konditionierbare Kinder will man dann. Was für ein Wesen war das am aller besten konditionierbare, was ist das Ziel der besten Konditionierung? Der Pawlowsche Hund: auf Knopfdruck sabbern. Nein, wenn das die angebotene Denkweise ist, um der Kriminalität zu begegnen, dann brauchen wir ein neues Denken, aber nicht noch bessere Techniken zur konditionierbar-machung von Menschen. Kein Sterbenswort über die Toten der Gefängnisse, über die Dramen, die daraus hervorgehen, über die Tragödien, die es hervorrfut, aber dicke Kritik an schlecht-konditionierbaren Kindern. Nein, so geht das nicht.
Nein, dieses Buch ist bestenfalls ein Bruchstück eines wirklichen Denkens über Kriminologie, ein simples, fast uninterssantes Fragment, für das Kritik anscheinend wie Worte aus Elfenbeintürmen klingt. Sehr fragwürdiges Stück Lehrwerk, das fundamental-kritisches Denken nicht nur ignoriert und nicht mal erwähnt(Foucault, Hulsman), so als wäre das alles aus der Luft gegriffen und ganz dämlich, sondern das im Grunde jede wirkliche Kritik an ihrer Vorgehensweise als Luftschloß zurückweisen will, so als ob in unserem Strafwesen gerade das Grundlegende gesund wäre, dieses Strafwesen, in dem man für ein geklautes Brötchen bestraft wird, bei geklauten Milliarden aber nichts Strafbares finden will. Man beziehe dieses Werk auf die Gegenwart und man wird erkennen, wie unzulänglich es ist und wie sehr es mit sanften Worten beruhigen will.
Das ist kein Lehrbuch darüber, wie man der Kriminalität Gesicht gibt, um ihr zu begegnen, sondern wie man Macht nutzt - von mir aus auch profanisierte Psychiatrie, was die Sache nicht besser macht - ohne diesen Machtgebrauch bedenklich finden zu müssen. Nicht mehr, nicht weniger.
Naiv macht dieses Buch und sorglos, nicht klug und wachsam. Falsche Sicherheit auf einem sehr gefährlichen Gebiet.