Dieser 3. Band ist unter verschiedenen Gesichtspunkten besonders interessant.
Man pflegt sehr häufig, die von Deschner aufgezeigten Verfehlungen des katholischen Christentums dem jeweiligen Zeitgeist zuzuschreiben. Christen seien halt auch nur Kinder ihrer Zeit und man müsse die Dinge aus ihrer Zeit heraus verstehen.
Zunächst einmal liesse sich hier fragen, warum nicht auch Ausschwitz oder andere zeitgenössische Genozide unter die gleiche Rubrik fallen.
Ferner: Je mehr man die soziologische Determiniertheit menschlichen Handelns betont, desto mehr gerät man in Widerspruch zum Dogma menschlicher Willensfreiheit und Schuld.
Ausserdem spricht man kraft diesen Arguments der katholischen Glaubenspraxis, ihren Gebeten und Ritualen, ab, Ursprung bzw. Quelle einer den Menschen läuternden und veredelnden Kraft zu sein.
Doch abgesehen von diesen allgemeinen Überlegungen zeigt Deschner im vorliegenden dritten Band, wie sehr das katholische Christentum sich bereits in der Antike zu einer kultur- und zivilisationsprägenden Instanz entwickelte.
Sein monotheistischer Absolutheitsanspruch, welcher der römisch-griechischen bzw. hellenistischen Welt fremd war, zog eine seit Konstantin systematisch betriebende Ausrottung konkurrierender Weltanschauungen nach sich, die Deschner sehr schön im Kapitel mit der Überschrift "Vernichtung" aufarbeitet.
Die Kirche vollzog auf diese Weise eine religiöse bzw. ideengeschichtliche Gleichschaltung, deren geographische und chronologische Dimension in der Geschichte vermutlich einzigartig dasteht und deren Intensität vielleicht nur in kommunistischen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts eine Parallele findet.
Mit anderen Worten: Die katholische Kirche war nicht Opfer des Zeitgeistes, sondern selber Urheber des Zeitgeistes!
So hat Deschner völlig recht, wenn er im 4. Band (Rowohlt, 1997, S. 325) schreibt:
"Ergo gehört diese nicht zufällig so gerne strapazierte, weil historisch alles "verstehbar", moralisch alles "entschuldbar" machende Floskel zum Lieblingsvokablar ordinierter Anpasser oder Schwachköpfe (häufig beides) und engültig auf den Müllhaufen ausgedienter Apologetentricks. Sie hat, nicht immer, doch in der gängigen Praxis fast stets eine Verharmlosungs-, Entlastungs- und Schönfärbefunktion."
Und wer erfahren will, wieviel wir dem Christentum tatsächlich an der Überlieferung heidnisch-antiken Schrifttums verdanken, dem sei diese Lektüre aus den bereits oben angedeuteten Gründen ans Herz gelegt.
Und schliesslich kann Deschner im Kapitel "Fälschung" nachweisen, dass der von der katholischen Kirche postulierte apostolische Ursprung ihrer kanonischen Schriften auf Sand gebaut ist, ja deren ganze Überlieferungsgeschichte durch die abenteuerlichsten Abstrusitäten gekennzeichnet ist.