Neue Zürcher Zeitung
«Man nennt es Reformation» LL. Wenn, der biblischen Tradition gemäss, langes Leben eine Gottesgnade, ja Gotteslohn ist, dann ist Karlheinz Deschner damit gesegnet: Am 23. Mai wird der 1924 in Bamberg geborene Deschner achtzig Jahre alt. Und schreibt weiterhin unverdrossen und unnachsichtig, wenn man so will: gnadenlos an seinem auf zehn Bände angelegten Opus magnum fort, das sich die «Kriminalgeschichte des Christentums» nennt. Der jetzt erschienene achte Band umfasst das 15. und 16. Jahrhundert, also die Zeit des grossen Schismas der Kirche mit dem Krieg dreier Päpste gegeneinander, dem «Exil» in Avignon und der Reformation, allerdings fast völlig unter Ausschluss Calvins und Zwinglis. Trotz dem riesigen Material ist der Band der bisher vergleichsweise schlankste geworden nicht weil es nun dem Kirchenkritiker etwa zunehmend an Stoff fehlte, sondern weil er sich auch bei der Reformationsgeschichte auf die Verbrechensgeschichte beschränkt. Seinem Ruf, der markanteste, erklärtermassen parteilichste Historiker des Christentums zu sein, bleibt Deschner auch hier treu. Die Monotonie fortgesetzter Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zeichen einer angeblichen Liebesreligion könnte ermüdend wirken und der kritischen Intention abträglich sein. Malt die Philosophie ihr Grau in Grau, so die Kriminalhistorie ihr Rot in Rot: blutige Monochromie. Auch literarisch eindrucksvoll aber das eingehende Kapitel über das Bauernelend mit einer einschneidenden Korrektur der Rolle des Reformordens der Zisterzienser, der auch intern an einer rigiden Hierarchie (der zwischen Vollmönchen und den ausgebeuteten Laienbrüdern, den «Konversen») festhielt. Das kriminalhistorisch zugespitzte Urteil über Luther lautet: «Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch, am Antisemitismus auch, am Kriegsdienst; an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation.» Dass Deschner in seiner Parteilichkeit nur Kritiker der katholischen Kirche sei, wird man ihm fortan kaum noch vorhalten können. Hier erweist er sich vielmehr als peinlich gerecht.
Kurzbeschreibung
Karlheinz Deschners Ermittlungen beginnen im 14. Jahrhundert mit Clemens IV. in Avignon, einem Vorläufer der berüchtigten Renaissancepäpste. Diese Stellvertreter Gottes, korrupt und geil, verschwenderisch und genussgierig, agierten als allerhöchste Schmarotzer an der Spitze einer moralisch verkommenen Hierarchie geweihter Männer ihresgleichen. Im Großen Abendländischen Schisma (1378 bis 1453) bekämpfen einander gleich drei (Gegen-)Päpste dieser Sorte mit Waffengewalt. In allerchristlichster Nächstenliebe zerfleischen sich die Großmächte Frankreich und England im Hundertjährigen Krieg (1338 bis 1453), während im östlichen Mitteleuropa die Deutschordensritter unter den bereits christianisierten Slawen wüten. Das schamlose Treiben der römischen Camarilla schrie förmlich nach einem Regimewechsel. Mit Männern wie John Wycliff, Jan Hus und Martin Luther kommt die innerchristliche Opposition zu Wort. Doch die Reformation führt nirgendwo zur Revolution, vielmehr verhindert sie den Kollaps des Papsttums. Jetzt wird die Verfolgung von "Ketzern", Hexen und Juden nur noch fanatischer. Das längste Kapitel widmet Deschner dem Leiden der Landbevölkerung, die seit Anfang des Mittelalters bis weit in die Neuzeit gleichermaßen von Adel und Klerus ausgesaugt und gequält wird.
Über den Autor
Karlheinz Deschner, geb. 1924 in Bamberg. Im Krieg Soldat; studierte Jura, Theologie, Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte. Sein Roman 'Die Nacht steht um mein Haus' (1956) erregte Aufsehen, das sich ein Jahr später bei Erscheinen seiner Streitschrift 'Kitsch, Konvention und Kunst' zum Skandal steigerte. Seit 1958 veröffentlicht Deschner seine entlarvenden und provozierenden Geschichtswerke zur Religions- und Kirchenkritik. Der forschende Schriftsteller lebt in Haßfurt am Main. 1988 wurde er mit dem Arno-Schmidt-Preis ausgezeichnet.