Angesichts aller Erbauungs- und Beschwichtigungsliteratur ist Deschners Geschichtswerk ohnegleichen. Diese Kriminalgeschichte kompensiert alle Beschönigung der "Untaten in guter Absicht", wie sie in zehntausenden von Titeln die Bücherwände und Bibliotheken als "Sekundär- und Tertiärliteratur" des Christentums überschwemmen. Mit ihrer umfassenden Darstellung einer Unmasse von Tatsachen, welche in der Literatur zwar bekannt, aber für normale Menschen verborgen sind, schafft die Kriminalgeschichte große Erkenntnis. "Zehntausenden Titeln" ist hier symbolisch gemeint; es werden gewiß noch viel mehr sein, aber diese Zahl wird auch dem Räuber David, dem ersten Massenmörder der aufgeschriebenen Heilsgeschichte, zugewiesen, er habe sie ge- oder erschlagen. ("ge" oder "er"? Wenn Sie es nicht wissen, schauen Sie selbst nach: 1. Buch Samuel, Kapitel 18. ... und lesen Sie sich fest!)
Dazu nebenbei meine Empfehlung: "Der König David Bericht" von Stefan Heym. Darin wird wie wahrheitsgemäß berichtet, daß in Salomos Diktatur Ethan ben Hoshaja, der Weiseste der Weisen, in die Bredouille gebracht wird, als er jenen Bericht schreiben mußte, welcher schließlich doch im AT (Bücher Samuel-1 ab Kapitel 16 bis Könige Kapitel 6) untergebracht wurde. Er ließ sich offensichtlich als zu bekannt damals nicht mehr unterdrücken, nur beschönigen. Das Buch zu lesen ist ein Vergnügen. Ende der ersten Abschweifung.
Deschner hat die Tatsachen und Niederschriften über die christlichen Untaten in seinem Lebenswerk für uns Normalleser erschlossen, und welche Quellen es dafür überhaupt gibt in großem Stil zusammengefaßt: Der staunende Zweifler kann in Bibliotheken nachlesen, er muß nicht selbst forschen, suchen und sich mühen.
Ebenfalls nebenbei: Sekundärliteratur sind theologische Deutungen, Kirchenväterlichkeiten, Umdeutung und Hermeneutik; Tertiärliteratur faßt alles davon Abgeschriebene und Interpretierte zusammen, und selbstverständlich läßt sich Tertiärliteratur zweiten, dritten usw. Grades bestimmen oder Quartärliteratur definieren, welche dann unversehens "wissenschaftlich" wird und zur Erlangung akademischer Titel gut geeignet ist.
Egal, die Abschreiber und Hineindeuter sind Legion(en), unzählige! Im Teiche der feisten Religionskarpfen aber tummelt sich der Antichrist Deschner als Hecht, und sie kommen ihm partout nicht bei, es gelingt ihnen einfach nicht, denn alles, was er schreibt, ist akribisch belegt und fundiert. Er wäre längst zerrissen und zerfleischt, gäbe er sich eine Blöße. Wäre er mit seinem Werk nur verwundbar, und von den (heute) zahnlosen Würmerfressern - ich meine die Karpfen - mit Aussicht auf Erfolg zu attackieren, hätte es längst aufgehört zu existieren, wäre vom Verlag eingestellt worden, und der Autor hätte den Kopf beschämt einziehen müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Deschner gilt heute als der Kirchen- und Christentumskritiker des Jahrhunderts oder überhaupt als der bedeutendste von allen. Wobei dies freilich kein Wunder ist, denn in früheren Zeiten sind solche wie er dem Feuer überantwortet worden, bevor sie ihr Werk zuende denken konnten, wie Giardano Bruno im Jahr 1600, beispielsweise.
Dennoch lesen auch heute die Funktionäre und Adepten der christlichen Religion mit Vorliebe, nein: mit Vorhaß gequält, Deschner und lesen jedes Wort akribisch auch, um es zu prüfen, auch gleichsam von rückwärts wie jener vortreffliche Junge aus Lichtenbergs Bekanntschaft, der, als er kaum sechs Jahre alt war, schon das Vaterunser rückwärts herbeten konnte.
Was wird gegen ihn angeführt, gegen Deschner, um ihn wenigstens ein wenig zu attackieren, um nicht hilf- und wortlos zu erscheinen, von denen, die schon noch im Glauben verhaftet sind? - Nichts Bedeutendes: Daß er die "guten Absichten" (s.o.) nicht würdige, daß seine spirituelle Kompetenz zu wünschen übrig lasse, daß er angesichts der kriminellen Machenschaften nur selektiv wahrnehme und banale Vorwürfe erhebe, anstatt tief-existentielle Versenkung in Gottes Unendlichkeit zu üben; er bliebe an der Oberfläche und berühre nicht zutiefst menschlichen Seinsurgrund wie die wahrhaft tiefgründigen Denker. Die Kritiker also stellen sich als hilflos und mental im Hintertreffen dar, nur an Zahl, an "Köpfen", sind sie ihm hoffnungslos überlegen.
Gegen "Köpfe" oder gar "Denker" in diesem Zusammenhang hätte ich freilich Einwände, zutiefste, aber ich will ja hier nur Deschners Buch besprechen. Also folgen noch einige Hinweise auf einzelne Kapitel des siebenten Bandes. Unabhängig davon sei schon jetzt empfohlen: Wer beispielsweise eine teure Rolex oder mehrere Paar Hosen hat oder sonst welche Wertsachen, mache diese zu Geld und schaffe sich alle bisherigen Bände an.
Die 14 Kapitel des siebenten Bandes betreffen die Jahre 1190 bis 1347; sie sind geprägt von Zweikämpfen zwischen Kaisern und Königen einerseits und Päpsten andererseits, rückhaltlos nur um die Macht: also Heinriche, Friedriche, Ludwige, Rudolfs usw. gegen Coelestine, Gregoren, Innozenzien, Bonifaze etc. Es ist die Zeit der Kreuzzüge nicht nur in Richtung "Heiliges Land", inklusive des Kinderkreuzugs 1212, sondern auch gegen Katharer, Albigenser, Balten, Templer und natürlich Juden. Die Inquisition wird erfunden und besonders in Spanien, aber auch überall in der christlichen Welt, oft mit inbrünstiger Entschlossenheit ausgeübt.
Das Ausmaß des Grauens die Jahrhunderte entlang wird nach den "uns" vorliegenden Berichten berichtet; das wirkliche Leiden der einzelnen aber, auch der wirklich gutgläubigen, die in die Fänge derer kamen, die sich an höheren Werten orientierten, an (um) Gottes Willen also, kann nicht geschildert werden. Dafür sind die Leserinnen und Leser da, um es sich ein bißchen vorzustellen, sich die Verzweiflung auszumalen im gemütlichen Sessel unter der Leselampe, wie Frauen und Männer in den Verließen bei Schmerz und Elend verdorrten.
Wenn jedoch auch in solchen Momenten die vermeintlichen Übeltäter und Sünderinnen den Glauben nicht verloren haben, erfuhren sie die Tröstung, daß jenseits aller Vernunft und jenseits ihres Erdendaseins sie, respektive ihre Seele, gewiß doch selig werden könnten. Um diese Erbauung zu schaffen - und das ist keine Übertreibung - ließ "man" sie unerträglich leiden, zur höheren Ehre dessen, der alles geschaffen hat. - Gibt es solche Perversionen heute eigentlich immer noch? Wahrscheinlich zuhauf.
Wer aber "man" war, also jene Persönlichkeiten, die das Leiden organisiert haben, und ihre vermutlichen Motive, darüber gibt Karlheinz Deschners Werk umfassend Auskunft.