Die Kriminalgeschichte des Christentums ist von Methodik, Anspruch und Umfang ein wissenschaftliches Projekt. Trotz der Fürsprache des Wissenschaftstheoretikers und Philosophen Hans Albert ist es aber zu keiner Förderung durch die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) gekommen. Letztlich waren es private Förderer, die dieses akribisch recherchierte Opus möglich gemacht haben. Für einen weiteren bekannten Wissenschaftstheoretiker, Wolfgang Stegmüller, war Karlheinz Deschner der größte Kirchenkritiker des Jahrhunderts. Ich meine, daß es Deschners Empathie mit den Opfern der Jahrhunderte zuzuschreiben ist, daß er sich eines bissigen und bisweilen aggressiven Tonfalls im Hinblick auf die Täter nicht enthalten konnte. Dieses und weiteres ist Gegenstand heftiger Repliken geworden, die auch die Wissenschaftlichkeit seines historischen Werkes in Frage stellten. Allerdings darf man Deschner sekundieren, daß er Faktendarstellung und ethische Bewertung nicht vermischt. Man muß seine Werturteile eher als Schlußfolgerung verstehen. Dem Leser stünde es frei, zu einer anderen zu kommen. Es zeugt von der hohen Qualität Deschners Arbeit, daß er es ihm dabei alles andere als leicht macht.
Deschners schonungslose Geschichtsschreibung ist keinesfalls als Fundamentalkritik des Katholizismus mißzuverstehen. Wie könnte sie das auch sein? Dafür hätte Deschner auch die wichtigsten Entlastungsmomente aufführen und entkräften müssen. Das war aber von Anfang an nicht seine Absicht. Zur weiteren Versöhnung aufgebrachter christlicher Leser mag der Hinweis beitragen, daß selbst der kompromißlos kirchenkritische Schopenhauer, zu dem Deschner wie Nietzsche eine gemeinsame Affinität aufweisen, die Gewaltlosigkeit des "echten Christentums" geschätzt hat. Der schiere Umfang der Kriminalgeschichte ist eine große Leistung des Autors, aber gleichzeitig ein Problem für den Leser. Ich persönlich gebe nur vier Punkte, weil ich nach der Lektüre des ersten Bandes bereits das Gefühl hatte, die Quintessenz erfaßt zu haben.