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Kaspar Hauser oder die pfingstliche Rezeption
Von Angelika Overath
Würde sich ein Schriftsteller diesen Stoff ausgedacht haben, ein nüchterner Lektor hätte einschreiten müssen. In der Dramaturgie des historischen Falls Kaspar Hauser passt alles so ausgeklügelt vieldeutig zusammen, dass dem Leser wären die Vorkommnisse nicht festgehalten in Polizeiprotokollen, gerichtsmedizinischen Gutachten und Augenzeugenberichten nur ein ungläubiges Kopfschütteln übrigbliebe.
Wer über Kaspar Hausers Leben spricht, scheint zwangsläufig eine unerhörte Begebenheit, eine Novelle, erzählen zu müssen, so ästhetisch aufgeladen sind die Grundstrukturen wie auch die Details dieser unglücklichen Biographie. Sein Dasein hatte den Sog zur Literatur. Die Geschichte des Kindes, das die Auslegung provozierte wie ein hermetischer Text, beginnt mit einem spirituellen Datum.
Am 26. Mai 1828, einem Pfingstmontag, dem Gedenktag der Ausgiessung des Heiligen Geistes über die Apostel, die daraufhin in allen Zungen zu predigen begannen, taucht wie ein inverses Verkündigungswunder in Nürnberg ein etwa 16 Jahre alter, beinahe sprachloser Knabe auf. Auf Passanten macht er einen «pudelnärrischen» Eindruck. Er stammelt, er torkelt und hat einen Brief bei sich, der seine Herkunft verschleiert. Das Kind wiederholt immer wieder den einen auswendig gelernten Satz: es wolle ein solcher Reiter werden, wie sein Vater einer gewesen sei. Noch am selben Abend bringt man den linkischen Knaben vorsichtshalber in den Nürnberger Gefängnisturm.
Bald untersucht ihn ein Arzt und hält ihn «weder für verrückt noch blödsinnig, aber offenbar auf die heilloseste Weise von aller menschlichen und gesellschaftlichen Bildung gewaltsam entfernt». Er kann langsam seinen Namen schreiben: Kaspar Hauser. Er verweigert ausser Wasser und Brot jegliche Nahrung, ist äusserst lichtempfindlich und schreckhaft. Der blonde Knabe, der den Charme des von Rousseau proklamierten unschuldigen Wilden auszustrahlen scheint, wird von den städtischen Honoratioren mit einem gewissen Stolz dem neugierigen Publikum präsentiert.
Am 7. Juli formuliert der Nürnberger Bürgermeister Binder eine ausführliche Bekanntmachung über das Leben des Findlings, in der Hoffnung, etwas über seine Herkunft erfahren zu können. Aus den erratischen Bruchstücken, die Kaspar von sich gibt, sowie aus medizinischen und psychologischen Beobachtungen, die Rückschlüsse erlaubten, konnte der Öffentlichkeit ein ungefähres Bild über «Kaspar Hauser so nennt sich das Opfer unmenschlicher Behandlung» vermittelt werden.
DUNKLE VERGANGENHEIT
Der Knabe muss im Alter zwischen zwei und vier Jahren in ein beinahe dunkles Kellerverlies eingesperrt worden sein. Er lebt dort angekettet, hat als Spielzeug zwei Holzpferde und einen Holzhund, mit denen er spricht und die er schmückt; er entbehrt völlig jeden direkten menschlichen Kontakts. Sein Hemd wird ihm gewechselt, während er schläft, Brot und Wasser, seine einzige Nahrung, stehen da, wenn er erwacht. Seine Notdurft erledigt er durch eine offene Hose in eine Kuhle. Er hat einen tiefen Schlaf. (Später wird Kaspar Hauser den Geruch des Opiums wiedererkennen, mit dem sein Wasser während dieser Jahre versetzt gewesen ist.)
Nach etwa 12 Jahren erscheint der Mann, der ihn bis dahin versorgt hatte, im Dunkel unerkannt und lehrt ihn, seinen Namen zu schreiben. Er spricht von dem Vater, der Reiter gewesen sei, wie auch Kaspar nun Reiter werden solle. Eines Nachts schleppt er den Knaben aus dem Kerker und bringt ihn, halb tragend, halb beim mühsam erlernten Laufen unterstützend, während einer mehrtägigen Reise in die Nähe von Nürnberg, wo er ihn unweit eines Stadttors aussetzt. Kaspar Hauser, der genötigt war, unter einem grossen Hut die ganze Reise lang nur auf den Boden zu schauen, gewinnt keinen Eindruck vom zurückgelegten Weg, noch erkennt er das Gesicht des Mannes, der ebenfalls einen Hut trägt.
Auf die engagierte und romanhaft anschauliche Darstellung des Bürgermeisters hin, der den Fall auch über die Grenzen Nürnbergs hinaus bekanntmachte, erfolgte neben kaum sachdienlichen Hinweisen ein anonymer Bescheid, wonach der Findling der verschleppte, um den Thron betrogene Prinz aus dem Hause Baden sei.
Spätestens hier hätte der nüchterne Lektor einer solchen Geschichte unwillig werden dürfen. Reichte das denn nicht: die spektakuläre eingeschlossene Kindheit, die Befreiung am Tag des Heiligen Geistes, das zweite Ausgesetztsein im Gefängnisturm, die Sprachfindung des vorzivilisatorischen Kindes. Das war doch schon Stoff genug. Brauchte es da noch den Goldfaden der möglichen Prinzengeburt?
Am 18. Juli nimmt der 28jährige Gymnasialprofessor Georg Friedrich Daumer Kaspar Hauser bei sich auf und unterrichtet den Knaben. Im Auftrag des Juristen Anselm von Feuerbach, Präsident des Appellationsgerichtes Ansbach und Begründer des modernen Strafrechts, macht er sorgfältige Aufzeichnungen über die Entwicklung des Knaben. Feuerbach ist der hochmodernen Auffassung, dass nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele eines Menschen Gewalt angetan werden kann. Kaspar Hauser ist ihm das «Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen», so der Titel des 1832 erscheinenden Buches über den Findling. 1832 erscheint aber gleichzeitig, zum Ärger des rationalistischen Denkers Feuerbach, die Schrift von Daumer selbst, der seine Materialien zwar Feuerbach zur Verfügung gestellt hatte, sich aber genötigt sah, ein eigenes Buch über Kaspar Hauser zu veröffentlichen.
Denn sein Interesse war nicht kriminalgeschichtlich geleitet, die Sühnung eines Verbrechens oder die Prinzenfrage beschäftigte ihn weniger. Für ihn bot Kaspar Hauser die kostbare Gelegenheit, einen durch Erziehung noch unverbildeten Menschen zu beobachten:
In alles legte er Willen, Empfindung, Bewusstsein. Als der Wind ein Blatt Papier vom Tische wehte, sagte er, es sei heruntergelaufen. Als man ihm sagte: der Wind habe es herabgeweht, sagte er: der Wind solle das nicht tun.
Der Gymnasialprofessor beobachtet an Kaspar Hauser Fähigkeiten und Empfindlichkeiten, die er an zivilisierten Kindern so nicht hatte wahrnehmen können. Er spürte, ohne zu sehen, die Qualität eines Metalls, er werde allein vom Geruch einer geöffneten Champagnerflasche ohnmächtig, er sehe in der Nacht klar und erkenne im Dunklen Farben. Er reagiere stark auf Handauflegen und verschiedene Experimente des Mesmerismus oder des tierischen Magnetismus, die der an romantischer Wissenschaft interessierte Daumer mit ihm durchführte.
Das gefundene Kind wurde vom Tag seiner Entdeckung an beobachtet, interpretiert und ausgewertet. Die Exegese seines Daseins war fächerübergreifend. Sein Überleben war, was Kaspar Hauser früh wusste und immer wieder beklagte, gefährdet. Er sollte mit seiner Angst recht behalten. Ein erster Mordanschlag auf das Kind schon im Herbst 1828 scheitert. Kurz vor Weihnachten 1833 stirbt Kaspar Hauser durch die Messerstiche eines Attentäters. Als das Gericht den Fall schon ein Jahr nach Kaspars Tod ad acta legt, ruft das Volk mit einem Bänkellied den Findling als den ermordeten Prinzen in den Gassen aus:
Flüsternd sprach man, dass seine Stirne
Bestimmet sei für einer Krone Zier,
Doch mit teuflischem Gehirne
Macht man aus diesem Knaben fast ein Tier.
Später stach ein ungenannter
Kerl in Ansbach unsern Kaspar tot.
Er starb als ein Unerkannter,
Sein blaues Blut färbt dort die Erde rot.
Hat kein Fürst 'ne Trän' vergossen,
Durch die vielleicht der Menschheit werde klar,
Weshalb denn dieses Blut geflossen,
Und wer der arme Junge wirklich war?
Fünfundzwanzig Silbergroschen
Gern zahl ich dem, der mir den Namen nennt,
Doch andere werden Gold für geben,
Dass keiner jenen Kaspar Hauser kennt.
Wer immer Kaspar Hauser gewesen sein mag, noch zu Lebzeiten war er eine Legende. Er wurde Literatur und Sekundärliteratur. Seine Gestalt kam auf die Bühnen der Theater, sie zitterte über Leinwände, sie füllte Galerien und die virtuellen Räume mancher Performance. Seit den gut 150 Jahren, die seine Lebensgeschichte zurückliegt, wächst die Kaspar-Hauser-Bibliothek jährlich: ein Mythos wird beschrieben, interpretiert, weitergedichtet. Bis heute wurden mehr als 3000 Bücher und mindestens 14 000 Aufsätze über Kaspar Hauser geschrieben.
IDENTIFIKATIONSFIGUR
Die Rätselhaftigkeit gab der historischen Figur jene Geschmeidigkeit des Unbestimmten, die der Mythenbildung förderlich war. Auf dieser Folie konnte sich der jeweilige Zeitgeist spiegeln. Die pädagogische Lesart eines Karl Gutzkow etwa (in «Die Söhne Pestalozzi's») wurde bald abgelöst von einer existentielleren Aufladung. Das wilde, ausgesetzte Kind waren sie nun alle, die Dichter, die Künstler, die Aussenseiter der bürgerlichen Gesellschaft. Kaspar Hauser erschien in seiner verworrenen Identität als Inbegriff der Unruhe und Ortlosigkeit des modernen Subjekts. Hauser war der Unbehauste, das Wesen, das auf unbegreifliche Weise so spät in die Kultur geraten war, dass sich an ihm nun exemplarisch beobachten liess, welche Anstrengung es kostete, vernünftig zu reden, zu schreiben und ein Ich zu sein. Und die Frage lag nahe, wozu überhaupt diese Anstrengung gut war.
Paul Verlaine war es, der mit seinem Gedicht «Gaspard Hauser chante» die vielleicht berühmtesten und folgenreichsten Zeilen in der Geschichte des Motivs schrieb. Die Verse entstanden im August 1873 in einem Brüsseler Gefängnis, wo Verlaine nach den Schüssen auf seinen Freund Rimbaud inhaftiert war.
Je suis venu, calme orphelin,
Riche de mes seuls yeux tranquilles,
Vers les hommes des grandes villes: Ils ne m'ont pas trouvé malin.
A vingt ans un trouble nouveau
Sous le nom d'amoureuses flammes
M'a fait trouver belles les femmes:
Elles ne m'ont pas trouvé beau.
Bien que sans patrie et sans roi
Et très brave ne l'étant guère, J'ai voulu mourir à la guerre:
La mort n'a pas voulu de moi.
Suis-je né trop tôt ou trop tard?
Qu'est-ce que je fais en ce monde?
O vous tous, ma peine est profonde:
Priez pour le pauvre Gaspard!
Das Gedicht gehört zu den wenigen, die so unterschiedliche Dichtertemperamente übersetzt haben wie Stefan George und der Liedermacher Wolf Biermann:
Ich hatte nichts als meiner Augen Stille.
Wortlos, 'ne Waise, kam ich hier
Zu Menschen, die in Städten hausen,
Die fanden nichts Gerissenes an mir.
Mit Zwanzig kamen neue Qualen
Wie andre wollt ich nach der Liebe gehn.
So lieb fand ich die Fraun allein die Schönen
Mich fanden die nicht grade schön.
Ich konnt' auch ohne Vaterland und König.
War weder feig noch tapfer noch ein grosses Licht.
Im Krieg wär ich gern tot allein der Tod,
Auch der wollt ums Verrecken grad mich nicht.
Zu früh kam ich zu spät auf diese Erde.
Auf diesem Kahlkopf steh ich als ein Haar.
Mein Elend schreit, doch du, ich bitt' dich: Bete
Für mich, den armen Hauser, den Kaspar.
In Verlaines Lied ist die Loslösung des Kaspar-Hauser-Motivs von der konkreten Lebensgeschichte des historischen Kaspar Hauser vollzogen. Seither reichen winzige Signale, um an den Kosmos dieser zur Literatur gewordenen Lebensgeschichte anzuknüpfen. Meist genügt als Passwort eine Anspielung auf jenen einzigen Satz, den Kaspar Hauser bei seiner Ankunft in Nürnberg sprechen konnte: dass er ein Reiter werden wolle.
Der von Ulrich Struve herausgegebene Studienband «Der imaginierte Findling» gibt einen guten Überblick über die breitgefächerten Rezeptionsmuster des Hauser-Mythos in Kunst und Literatur. Kaspar ist das wilde Kind, Pierrot und die Puppe, der Messias, das Rätsel, der Homosexuelle oder nur das Inkognito, hinter dem sich die Emanzipation vorbereitet.
GENTECHNISCHE ENTZAUBERUNG?
Selbst im späten 20. Jahrhundert, einer Zeit ungehemmter Mythensehnsucht, kommt es immer wieder einmal zu Versuchen, einem erfolgreichen Mythos mit den Mitteln der Naturwissenschaft zu Leibe zu rücken. Am 15. 10. 1996 feierte die «Spiegel»-Titelgeschichte «Der entzauberte Prinz Kaspar Hauser» die Enttarnung des Findlings auf Grund einer DNS-Analyse. Das Blut auf einer Unterhose, die angeblich Hauser gehört hatte, habe nichts mit dem blauen Blut des Hauses Baden gemein. Unter dem starken Eindruck modernster gentechnischer Methoden stehend, ignoriert der immerhin zehnseitige Artikel die ernstzunehmenden und erdrückenden Indizien, die für die Prinzentheorie sprechen (am ausführlichsten recherchiert und zusammengetragen von dem Karlsruher Kulturwissenschafter Ferdinand Mehle: «Der Kriminalfall Hauser»). Die Wochenzeitschrift «Die Zeit» konterte auch umgehend (29. 11. 1996: «Unterhose mit Blutfleck»).
Nicht bewiesen wurde, ob das Kleidungsstück, dem die Blutproben entnommen wurden, wirklich von Kaspar Hauser stammt, und wenn ja, ob dann das Blut das seine ist. Die Hose machte mehrere Umzüge mit, wurde auch in einer Berliner Polizeiausstellung gezeigt, und es wird berichtet, dass ein Museumsangestellter sie auch schon mal mit Ochsenblut etwas aufpräpariert habe, damit sie schauerlicher aussähe. Das analysierte Blut war Menschenblut, aber wer weiss, wer da eine Blutsbrüderschaft auf dem Fetisch versucht hat. Gelegenheit dazu hätte es gegeben. Die mutmassliche Mutter Stéphanie de Beauharnais jedenfalls fiel in Ohnmacht, als sie Kaspar Hauser in Ansbach sah; auch ihre Töchter erkannten in dem Kind ihren Bruder.
Naiv war der «Spiegel»-Gegenzauber nicht nur in der Rekonstruktion der Fakten, naiv war vor allem der Glaube, den Hauser-Mythos durch Widerlegung der Baden-Genealogie insgesamt abfertigen zu können. Das Motiv vom gefallenen und verfolgten Prinzen war aber immer nur ein Element unter den vielen Bedeutsamkeiten, die die Hauser-Geschichte aufwies. Die anderen der edle Wilde, das göttliche Kind, der wahrhaftige Narr, das stumme Rätsel hätten auch die sorgfältigste Blutprobe schadlos überstanden.
Einige Monate vor der scheinbaren Mediensensation der Genanalyse mit Resten uralten Bluts gab es tatsächlich ein kleineres, aber reales Kaspar-Hauser-Ereignis. Erstmals wurde aus dem Nachlass des Kaspar-Hauser-Forschers Hermann Pies (der auf Johannes Mayer übergegangen ist) die Abschrift der Daumerschen Originalnotizen veröffentlicht. Es ist eben jenes Material, das dem Buch Feuerbachs wie auch Daumers eigenen Publikationen zugrunde liegt. Diese unmittelbaren, ungefilterten Mitschriften aus einem Leben mit Kaspar Hauser lassen sukzessive nachvollziehen, wie Kaspar Hauser staunend Welt rezipiert, seine Identität findet und somit, hätte man ihn nicht umgebracht, vielleicht zum Prinzen seines Lebens geworden wäre: «Da ging ihm auf einmal ein Licht auf; er sagte, ja freilich, denn er wäre ja selbst der Kaspar, und er sähe jetzt wie einfältig er gewesen sei. Ich fragte ihn ob er denn geglaubt, der Kaspar sei ein anderer, als er selbst. Er antwortete, er habe gemeint, der Kaspar sei oder stecke in ihm drin, und ich möchte das nur niemandem erzählen, damit er nicht ausgelacht würde. »
Ulrich Struve (Hrsg.): Der Findling Kaspar Hauser in der Literatur. Eingeleitet von Ulrich Struve. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1992. 359 S. (vergriffen). -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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