Hans Höller hat aus dem Nachlass von Ingeborg Bachmann, der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerin und Prosaschriftstellerin des 20. Jahrhunderts, das "Kriegstagebuch" mit "Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann" herausgegeben. Die Briefe, die der "Sommer Gefährte" und um Aufrechterhaltung zu Bachmann kämpfende Hamesh aus Palästina schreibt, sind das eigentlich Berührende dieses Buches. Unverständlich ist es deshalb das er nicht als Mitautor auf dem Cover aufgeführt ist.
"Kriegstagebuch" ist vielleicht ein nicht so treffender Titel, denn die Aufzeichnungen die mit dem Satz beginnen "Mein geliebtes Tagebuch, jetzt bin ich gerettet" entstanden nach Kriegsende. Es ist ein ganz schmales Tagebuch, das die damals 18 jährige Abiturientin an der Schwelle zum Frieden geschrieben hat, in dem sie einerseits ihre Abscheu vor der NS - Ideologie und ihre Erleichterung über das Ende der Naziherrschaft, so wie andererseits ihre Hoffnung für die Zukunft zum Ausdruck brachte. "Das ist der schönste Sommer meines Lebens" so schreibt sie überglücklich in ihr Tagebuch, nicht nur wegen ihrer Freundschaft zu Hamesh, denn es heißt weiter "für mich ist Frieden, Frieden!" und "ich werde studieren, arbeiten und schreiben". Damit war ihr Lebenskonzept geschnürt.
Erst als ein großes Geschwader über ihrer Heimatstadt mit dem Bombenabwurf begann ging der Teenager in den Keller des Elternhauses. Vorher zeigte sich schon die spätere Bachmann, als sie sich weigerte in den Keller zu gehen zu dem Zeitpunkt als die ersten Bomben auf Klagenfurt fielen. Nein, der Tag ist sonnig, da stellte sie sich einen Sessel in den Garten und las ihren geliebten Baudelaire. Dieser erste Teil des Tagebuches zeigt die Distanz, in der die Dichterin zu den nationalsozialistisch indoktrinierten "Fanatikerinnen" ihrer Umgebung stand. Sie nimmt auch den Missmut ihrer Eltern in Kauf, als sie sich mit einem jüdischen Besatzungssoldaten anfreundet.
In der Zeit nach dem Krieg muss sie Rechenschaft über ihre Mitgliedschaft im "Bund deutscher Mädel" ablegen. Natürlich war auch sie irgendwie in diese Schreckenherrschaft involviert. Sie freundet sich mit dem zehn Jahre älteren Besatzungssoldaten an, der zwar durch den Holocaust und die Ermordung seiner Eltern entwurzelt wurde, aber rechtzeitig, im letzten Moment, aus Österreich nach England fliehen konnte. Er, der sich zur politischen Linken bekennt macht die junge Bachmann mit dem "Kapital" von Karl Marx bekannt und dann unterhalten sie sich in "selig machender Weise" über Bücher von Thomas Mann, Schnitzler, Stefan Zweig und Hofmannsthal, über Bücher die im Dritten Reich verfemt waren. So erlebte die angehende Poetin das Kriegsende als "Befreiung".
Hamesh wählt Israel als neue Heimat, ohne je die Liebe an seine Klagenfurterin aufzugeben. Er schreibt rührende Briefe an Ingeborg Bachmann in denen er sein Leben in Palästina schildert, ihr von seiner Wandlung vom Marxisten zum Zionisten berichtet, von seiner Sehnsucht nach Heimat, Familie und Geborgenheit, die er vorübergehend in Ingeborgs Familie gefunden hatte, obwohl ihr Vater Parteimitglied der Nationalsozialisten war. Er sehnt sich nach einem Wiedersehen, kämpft um die Aufrechterhaltung der Beziehung und je größer die Distanz zwischen ihnen wird, so eindringlicher werden seine "Liebesbeschwörungen".
Wie Ingeborg Bachmann darauf reagierte geht aus dem "Kriegstagebuch" nicht hervor, denn ihre Briefe sind darin nicht enthalten. Ob Hamesh sein Glück im Leben gefunden hat konnte der Herausgeber trotz intensiver Recherchen nicht feststellen. Ein mustergültiges Nachwort über den Kontext des Tagebuches zum Gesamtwerk der Autorin reichert die faszinierende Lektüre an.