Dieses Buch ist eine kleine Sensation. Seit Jahrzehnten ist mit Blick auf Ernst Jüngers so folgenreiches Debüt "In Stahlgewittern" von 1920 spekuliert worden, wie sehr sich wohl die literarisch aufbereiteten, von Auflage zu Auflage gründlich umgearbeiteten Erinnerungen aus dem Ersten Weltkrieg von jenen Tagebüchern unterscheiden, die Jünger mit quasi eiserner Disziplin zwischen 1914 und 1918 im Feld führte. Der Autor, der 1998 im biblischen Alter von 102 Jahren in Wilflingen starb, wollte seine Weltkriegsdiarien nicht veröffentlicht wissen. Dass diese jetzt in einer hervorragend kommentierten im Druck vorliegen, ist richtig und dem Germanisten Helmuth Kiesel zu verdanken, der 2007 auch eine Biografie Jüngers publizierte.
Als 19-jähriger zog Jünger, das Notabitur in der Tasche, freiwillig in den Krieg. Er begriff ihn zunächst als ein großes Abenteuer. Kaum verwunderlich also, dass die ersten Notizen des jungen Mannes erkennbar pennälerhaft wirken. Am 4. Januar 1915 heißt es etwa: "Leider sehen wir keinen Franzmann, sonst könnten wir auch mal knallen." Dazu sollte noch reichlich Gelegenheit sein. Denn Jünger hat den "Großen Krieg", wie er in Frankreich genannt wird, vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht. Seine juvenile Abenteuerlust wich aber bald einer nüchternen Sicht auf das große Sterben. Ein Hinweis wie "Dieses schreibe ich in einem weit vorgeschobenen Erdloch" vom 4. Januar 1915 hat keinerlei romantischen Anstrich mehr. Dafür verordnete sich der Soldat Jünger, der es bis zum Leutnant und Träger des nur selten vergebenen Ordens "Pour le Mérite" bringen sollte, jenen kalten und in "In Stahlgewittern" kultivierten Blick auf das Grauen, der ihm über Jahrzehnte als Zynismus ausgelegt worden, wohl aber notwendig gewesen ist, um an dem, was er an der an der Westfront erlebte, physisch und psychisch nicht zu zerbrechen. Im Diarium ist diesbezüglich am 4. Januar 1915 zu lesen: "Der Anblick der von Granaten Zerrissenen hat mich vollkommen kalt gelassen." Und so beschreibt er das Aussehen der Getöteten mit geradezu pathologischer Genauigkeit.
So vollkommen kalt ließ das extreme Geschehen Jünger indes nicht. Eine kurzzeitige Flucht vor dem Grauen bot der Alkohol. Immer wieder finden sich Eintragungen wie "kolossale Sauferei" (4. Juli 1915) und "Den Magen 3 Zoll unter Alkohol scheint mir hier das Beste" (30. August 1916). Und die Feier zur Verleihung des Eisernen Kreuzes an Jünger war so fidel, dass "dieser Fidelität fast die ganze Einrichtung des Kasinos zum Opfer fiel" (20. Juni 1916).
Trotz zahlloser Verwundungen möchte man es als Wirken der Vorsehung bezeichnen, dass er die vier Kriegsjahre überlebte. Nahe genug ist Jünger dem Tod wiederholt gekommen. Am 6. Juli 1916 treffen Schüsse die Latrine, auf der Jünger gerade saß. Später erhielt er einen glatten Durchschuss durch seinen Stahlhelm. Die wurden 1916 erstmals ausgegeben: "Der Stahlhelm verleiht dem Soldaten ein wüstes Aussehen", heißt es dazu am 24. August im Tagebuch. "In Stahlgewittern" hingegen schrieb Jünger poetisierend, dass der erste deutsche Soldat, den er mit Helm sah, "mir sogleich als der Bewohner einer fremden und härteren Welt" erschien.
Auch im Stellungskrieg ging Jünger seiner Passion nach: das Sammeln von Käfern. Und so ist auch ein Käferbuch überliefert, in dem er seine Sammelerfolge aufzeichnete. Die Kollektion, zu der er im Ersten Weltkrieg den Grundstock legte, umfasste bei Jüngers Tod rund 40.000 Exemplare. Literarischer Reflex auf die Leidenschaft war 1967 das Buch "Subtile Jagden".
So stilisiert "In Stahlgewittern" daherkommt, so authentisch ist jeder einzelne Eintrag im Kriegstagebuch. Ernüchternde Äußerungen wie "Am Abend kam die Feldküche angewackelt und brachte einen Scheißfraß" (5. Januar 1915) oder "Wann hat dieser Scheißkrieg ein Ende? Was hätte man in dieser Zeit nicht alles sehen und genießen können" (24. Mai 1917) wird man in den 46 Auflagen von "In Stahlgewittern" vergeblich suchen. Ernst Jüngers Tagebuch ist ein bedeutendes Ego-Dokument aus dem Ersten Weltkrieg und gleichzeitig ein Zeugnis der Geburt des modernen, industrialisierten Krieges aus dem Geist des technischen Fortschritts.