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Ha Jin hat seinen Roman „Kriegspack“ seinem Vater, einen Veteranen des Koreakrieges gewidmet. Wer jetzt ein Aufmerksamkeit heischendes Kriegsepos voller heroischer Opfer erwartet, wird enttäuscht werden. Denn es handelt sich hier weder um ein Kriegs- noch um ein Antikriegsbuch.
Vordergründig wird hier die Geschichte des Chinesen Yu Yuan erzählt, der als junger Mann am Kampf der kommunistischen Nachbarn gegen die westlichen Imperialisten teilnahm. Doch nehmen die eigentlichen Kampfschilderungen wenig Raum ein, doch sind dafür um so eindringlicher ob ihrer Sinnlosigkeit. „Da sprang die Sturmbrigade aus ihren Gräben, fuchtelte mit Keulen und Speeren und stürzte sich auf den Feind. Der Gegner bestrich sie mit Maschinengewehrfeuer… Innerhalb von fünf Minuten waren sämtliche Männer der Sturmbrigade niedergemetzelt… Man hatte eher das Gefühl, an einer Demonstration denn an einem Gefecht teilzunehmen.“
Zwangsumerziehung und Demütigungen
Schon nach kurzer Zeit wechselt die Perspektive vom kämpfenden Infanteristen zum Insassen eines Gefängnislagers. Ab diesem Zeitpunkt entfaltet Ha Jin sein außerordentliches Können und legt den Schwerpunkt des Romans auf die innere Zerrissenheit Yu Yuans, denn der soll sich zwischen „alter“ kommunistischer Heimat und „neuer“ westlicher Welt entscheiden. Eindringlich schildert Ha Jin den Lageralltag mit all seinen Demütigungen, den Ängsten vor den Wachen und den Mitgefangenen, Ausbruchsversuche, Krankenstube und Verpflegung. Besonders die Intrigen zwischen den beiden rivalisierenden Gruppen der Kommunisten und den Nationalisten nehmen bedrohliche Formen an. Keine der beiden Fraktionen schreckt vor Mord, Totschlag, Erpressung, Nötigung oder Verrat zurück, um Kameraden zu bekehren. Wer sich nicht offen zu einer der beiden Seiten bekennt, lebt gefährlich und meistens nicht sehr lange. Doch Yu Yuan hat Glück, denn auf Grund seiner guten Englischkenntnisse benötigen beide Gruppen seine Mithilfe bei der Kommunikation mit „dem Feind“. Doch birgt dieser Balance-Akt viele Gefahren, denn er kann niemals genau wissen, wie lange man seine Unentschlossenheit noch duldet. Er muss miterleben, wie andere Mitgefangene, die weniger wichtig sind als er mit seinen Sonderfähigkeiten, Mutproben ablegen müssen, um die Ernsthaftigkeit ihrer Überzeugung zu beweisen. Beispielsweise soll eine Fleischkonserve gestohlen werden. Doch der Gefangene gerät in den Scheinwerferkegel der Überwachsungsscheinwerfer und wird auf der Stelle erschossen, weil die Wachen die Konservendose für eine selbstgebastelte Bombe halten.
Ständig auf der Hut, müssen die Gefangenen lange Märsche zu anderen Lagern überstehen oder Durchsuchungen der Amerikaner ertragen, bei denen alles beschlagnahmt wird, was nur im entferntesten als Waffe oder Grabungswerkzeug benutzt werden kann.
Voller Wärme, Verständnis und Vorurteilslos
Auffallend am gesamten Roman ist der vergleichsweise nüchterne und sachliche Erzählstil. Doch angesichts des ernsten Themas erscheint dies als der einzig richtige gangbare Weg, um dem Leser zugleich Distanz und Nähe zu ermöglichen. Denn Ha Jin versucht weitestgehend, vorurteilsfrei und mit Verständnis für alle Seiten zu erzählen, obwohl es gerade das menschliche Schicksal des Protagonisten ist, welches den Stoff bewegend und anrührend macht. Doch gerade darin liegt die Kunst des großen Literaten: einen Protagonisten lebendig zu gestalten, ohne als Autor in den Vordergrund zu treten und den Leser auf die eine oder andere Weise für einen Standpunkt einzunehmen. Folgerichtig hat Ha Jins Prosa nichts Verurteilendes oder Defätistisches, sondern nur etwas unterschwellig melancholisches, zweifelndes, so als ob sich der Protagonist bis zuletzt nicht klar darüber ist, ob seine Entscheidung richtig war; ja es schimmert so etwas wie Reue darüber durch, sich nicht anders entschieden zu haben. Und gleichzeitig ist Yu Yuan stolz auf seine Entscheidung und sein Verhalten während der Haft sowie sein daraus resultierendes Leben. Nur in kleinen, scheinbar unbedeutenden Augenblick schimmert, einem Traum gleich, die Frage durch, von der er niemandem erzählt, doch die ihn für Sekundenbruchteile beschäftigt: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich mich anders entschieden hätte?
Fazit: Ein bewegender Roman mit großen Momenten und kleinen Perlen. Ha Jin
eindringliches Porträt eines Mannes, der ohne eigene Schuld zwischen die Mühlräder zweier großer gesellschaftlicher Bewegungen gerät, ist gleichzeitig Anklage und Verteidigung, überlässt das Urteil jedoch dem Leser.
Ha Jin (eigtl.Xuefei Jin) wurde 1956 in der nordchinesischen Stadt Jinzhou geboren, wo sein Vater, ein Offizier, stationiert war. Mit 14 trat er in die Volksbefreiungsarmee ein.1977 wurden die im Zuge der Kulturrevolution geschlossenen Universitäten wieder eröffnet und Ha Jin begann an der Heilonjiang Universität Englisch zu studieren. Er wechselte einige Jahre später an die Shandong Universität, wo er seine Frau Lisha Bian kennen lernte, eine Mathematikdozentin.
1985 ging er in die USA, um an der Brandeis University in Waltham zu promovieren.1987 begann er Gedichte in englischer Sprache zu verfassen, seit 1989 auch literarische Prosa. Er hat seit 1993 eine Professur für Englische Literatur an der Emory University inne und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn Wen in der Nähe von Atlanta. Seit 1997 ist er amerikanischer Staatsbürger.
Von den Eltern seiner Frau, die Ärzte bei der Armee waren, hörte er die Geschichte eines Militärarztes, der 18 Jahre auf seine Scheidung wartete. Anfang der Neunziger begann er ›Warten‹ zu schreiben. Für diesen ersten (Lang-)Roman erhielt er 1999 den National Book Award for Fiction (Frühere Preisträger: William Gaddis, Annie Proulx, Louis Begley, Joyce Carol Oates, Don DeLillo, u.a.) sowie den PEN/Faulkner Award 2000, den höchstdotierten amerikanischen Literaturpreis, den vor ihm u.a. T. C. Boyle, Philip Roth und Michael Cunningham erhielten. Der Roman war auch für den Pulitzerpreis nominiert.
Nur zwei Schriftsteller, deren Muttersprache nicht Englisch ist, haben vor Ha Jin in der fünfzigjährigen Geschichte des National Book Award den Fiction-Preis erhalten: Isaac Bashevis Singer und Jerzy Kosinski.
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