Während sich eine Vielzahl von Untersuchungen ausschließlich mit der Psychologie des Fronterlebnisses und seiner Erscheinungsformen an der Westfront des 1. Weltkrieges befasst, werden die kulturellen Auswirkungen und das Ostfronterlebnis entweder vollständig ignoriert oder höchstens an der Peripherie gestreift. Das besondere Merkmal dieses "unbekannten Krieges" war, das er in der Zwischenkriegszeit nicht so leicht mythologisiert werden konnte, wie die Grabenkriege an der Westfront. Gleichwohl sich bereits während des Ersten Weltkrieges wichtige Ansichten über den Osten und einer "zivilisatorischen Mission" der Deutschen herausbildeten, ist das Ostfronterlebnis und sein langfristiges Vermächtnis in Historikerkreisen nach wie vor eine terra incognita geblieben.
Östlich des von kaiserlich-deutschen Truppen besetzten "Generalgouvernement Warschau" und dem österreichisch-ungarisch okkupierten "Militärgouvernement Lublin" versuchte General Erich Ludendorff den monolithischen Militärstaat "Ober-Ost" zu errichten. Seine Utopie ging weit über die Ziele des traditionellen Konservativismus und Monarchismus hinaus indem sie ein vollkommen neuartiges und modernes Herrschaftssystem schaffen wollte. Bürokratisch, technokratisch, rationalisiert und ideologisiert sollten unter dem Motto "deutsche Arbeit" Land und Leute umgeformt und der Weg für eine dauerhafte Inbesitznahme geebnet werden. Ein engmaschiges Kontrollsystem über das Territorium und die einheimische Bevölkerung sollte durch die "Verkehrspolitik" installiert werden. Hierzu wurden moderne Überwachungs-, Erfassungs- und Dokumentationstechniken eingesetzt. Daneben wollte der Militärstaat "Ober-Ost" den "ungehobelten ungebildeten und primitiven einheimischen Völkern" mit dem "deutschen Organisationstalent" eine neue Kultur oktroyieren, um sie dadurch kultivieren und beherrschen, sprich kolonialisieren zu können.
Für seine bereits im Jahre 2002 unter dem Originaltitel "
War Land on the Eastern Front: Culture, National Identity, and German Occupation in World War I (Studies in the Social and Cultural History of Modern Warfare)" erschienene Studie hat der litauisch-stämmige Historiker Vejas Gabriel Liulevicius eine Fülle von Dokumenten zusammengetragen und ausgewertet.Methodisch sind die diese Quellen zwei unterschiedlichen Typen zuzuordnen. Während es sich bei den einen um offizielle Schriftstücke mit amtlichem Charakter handelt, spiegeln die anderen Erfahrungen der einheimischen Bevölkerung mit der deutschen Besatzungsmacht. Daneben holt der Autor bei der Schilderung historischer Ereignisse auch weit bis in die Vergangenheit aus, wenn er beispielsweise bemerkt, dass die Eroberung der Stadt Vilnius durch die preußischen Totenkopfhusaren auf die Litauer wie die Auferstehung der Deutschordensritter wirkte. Der Leser erfährt eine Reihe von hintergründigen Details, z. B. dass die Litauer die älteste indoeuropäische Sprache sprechen und Europas letzte Heiden gewesen waren. Bemerkenswert ist auch die religiöse Toleranz der litauischen Großfürsten im Mittelalter, die in Vilnius ein "Litauisches Jerusalem" als Zentrum des Lernens und der jüdischen Aufklärung hatte entstehen lassen. Liulevicius ist es jedoch nicht nur gelungen, die Ostfronterlebnisse und militärische Utopie von "Ober-Ost" in umfassender Weise darzustellen, sondern auch ihre weiteren Auswirkungen. In den Kapiteln "Das deutsche Bild vom Osten", "Die Krise" und "Der Freikorps-Wahnsinn" beschreibt er die Erfahrungen und das "Gedankengut" aus denen schließlich der Generalplan Ost erwachsen sollte.
Demgegenüber bleiben die Wahl des Herzogs Wilhelm von Urach am 13. Juli 1918 zum litauischen König Mindaugas II. oder der ebenfalls nur avisierte Machtantritt von Adolf Friedrich, Herzog zu Mecklenburg, als Staatsoberhaupt des am 5. November 1918 in Riga ausgerufenen Vereinigten Baltischen Herzogtums nur sehr kleine Fußnoten. Vielmehr sollten unselige Begriffe wie "Volk ohne Raum", "Lebensraum im Osten", "Ostarbeit", "Osteinsatz" und "Drang nach Osten" und das Bild des "Wehrbauern im Uralgebirge" sowie Lieder vom "Ostland", "Ostlandfahrer" usw. im Sinne der NS-Rassenideologie gerade im Osten zu einem totalen Krieg und erbarmungslosen Völkermord führen.
Als Standardwerk ist die erschöpfende Analyse des "unbekannten Krieges" und seiner mörderischen Folgen mit fünf Amazonsternen zu bewerten.