Das Buch bietet interessante Innenansichten eines Kriegsberichterstatter. Der Autor, Landwirtssohn aus der Nähe von Cuxhaven, gibt Rechenschaft ab von seinem Werdegang als Journalist ab etwa 1999. Insbesondere begründet er, warum er seine Karriere in diesem Metier beendet hat. Das Buch hat 480 Textseiten und 32 Seiten mit Farbfotos, zwei Landkarten in den Umschlaginnenseiten und zahlreiche s/w-Fotos. Zusätzliches Foto- und Film-Material zum Buch befindet sich auf www.kleveman.com
Schon als Student in Frankreich und an der renomierten London School of Economics hat Kleveman sich als Autor versucht und so ein Zubrot verdient. Seinen ersten Posten als freiberuflicher Auslandsjournalist führt ihn im Auftrag des Londoner "Daily Telegraph" in den Kosovo. Ab diesem Zeitpunkt lauert er auf seinen ersten "Scoop", also eine aufsehenerregende Reportage. Wie viele in diesem Metier ist auch Kleveman ein "Scoop-Junky" gewesen: immer bereit für eine gute Story alles stehen und liegen zu lassen.
Als erste Klammer dient dem Buch eine lange Reise durch Russland, die Lutz Kleveman auf den Spuren seines Großvaters unternimmt und die er in zehn kleinen Kapiteln beschreibt. Dieser Großvater war 1915 als Flieger an der Ostfront abgeschossen und im Verlauf der folgenden Jahre als kriegsgefangener Offizier immer tiefer in den Osten des Russischen Reiches verlegt worden. Kleveman folgt dieser Route von Sankt Petersburg nach Wladiwostok mit etwa 90 Jahren Abstand. Er untersucht anhand von Briefen, Tagebüchern, Fotos und Ortsbegehungen die Familiengeschichte und fragt, inwieweit seine eigene Faszination für Krieg und Gewalt aus einem familiären Erbe herrührt. Dabei erfährt der Leser nebenbei einiges vom Leben der fünf Generationen Klevemans auf dem Gutshof und von der militärischen Strenge, die in der Person seines Großvaters eine die Familie lange beherrschende Gestalt hat.
Der Titel des Buches, "Kriegsgefangen" bezieht sich daher auf mehrere Dinge: zum einen auf den Status des Großvaters im Russischen Reich, aber auch auf dessen fast schon pathologische Gefangenheit in seiner engen Bezogenheit zum Krieg, in dem er als Offizier gleich zweimal diente, 1914 und 1939. Und des weiteren bezeichnet dieses "Kriegsgefangen" auch einen wichtigen Antrieb des Journalisten Lutz Kleveman, nämlich als eine besondere Empfänglichkeit für die Attraktion des Bösen. Der Autor zeigt jedoch, wie er sich dieses Zustandes bewusst wird und sich davon frei machen will. Dazu dient ihm dieses Buch, dessen Entstehen zum einen Bestandteil dieses Prozesses und zugleich Ende seiner Auslandsreporter-Laufbahn ist.
Aber zunächst geht es in einem atemberaubenden Ritt durch die Zeitgeschichte der letzten zehn Jahre, vom schon genannten Balkan über Westafrika (Blutdiamanten), Tschetschenien (russischer Geheimdienst), Afghanistan (große Drogendealer), New York (nach 9/11), Irak (Chaos der US-Besatzungspolitik), Brasilien (kleine Drogendealer), Kolumbien (noch mehr Drogendealer) bis nach Fernost (Suche nach der Opiumhöhle und Besuch in Nordkorea). Dabei mangelt es nicht an amüsanten Schilderungen, die sich um die Geschichten von Krieg und Drogen herumgruppieren, aber auch teilweise innerhalb derselben spielen. Da wird mal der Prostitution Platz eingeräumt, die Einsamkeit des Säufers beleuchtet und immer wieder Treffen mit faszinierenden Personen der Zeitgeschichte, aber auch mit einfachen, aber beeindruckenden Menschen oder den "Fixern", wie die persönlichen Helfer der Reporter an Krisenherden genannt werden.
Kleveman landete einige Scoops, die ihm Ruhm einbringen und deren Entstehungsgeschichten im Buch einigen Raum einnehmen. Bücher sind daraus entstanden und weitere Aufträge. Große Zeitschriften zahlten ihm viel Geld für Artikel und Fotos (32 Seiten mit eigenen Farbfotos befinden sich im Mittelteil des Buches, sie zeigen neben vielen Menschen auch sechzehn Gewehre). Die Stories entstehen zum Teil aus einer aggressiven Grundhaltung Klevemans heraus, die seine Kollegen verängstigt (viele der mitgesandten Fotografen fliehen), aber auch mächtige Gegenüber verblüfft und dadurch manchmal zugänglich macht. Kleveman pflegt den Stil einer teilnehmenden Beobachtung und nennt die von manchen seiner Kollegen behauptete Neutralität Unsinn: Natürlich ändert die Anwesenheit des Journalisten das Geschehen; also muss dieser Teil der Story werden.
Das Buch ist hervorragend geschrieben und kann auch aufmerksamen Zeitungslesern noch viele Erkenntnisgewinne bescheren. Die Reportagen, auf denen das Buch einerseits fußt, sind andererseits fast Beiwerk zu nennen, denn der Autor nutzt sein Material, um sich konzentrisch der ihn umtreibenden Frage - die nach der Faszination der Gewalt, die Frage woher seine Lust an der Gefahr kommt - zu nähern. Er ist mutmaßlich zu sehr Berichterstatter, sonst hätte er dieses Buch als Entwicklungsroman geschrieben. Sicherlich ist der ihm eigene Hang zur Provokation eine Bereicherung für jede Konversation, aber er bemerkt, dass er über weite Strecken seiner Laufbahn nicht in der Lage war zu erkennen, wie nahe durch diese Eigenheit Tod und körperliche Verletzung ihm tatsächlich schon gekommen waren. Seine anfänglich vermeinte Unverwundbarkeit sieht er zum Schluss als kindliche Naivität oder Geisteskrankheit und setzt sich so nochmal deutlich vom Nazi-Großvater ab, der schon vor seiner Rückkehr 1917 seinen Wunsch kundtat, wieder in den Krieg ziehen wollte und 1944 - obwohl vom schon verlorenen Krieg überzeugt - die Bauernsöhne der Nachbarn in den sicheren Tod sandte und ihnen nicht die ersehnte Unabkömmlichkeit bescheinigte.
Es berühren auch die ganz persönlichen Erfahrungen und die manchmal fast schmerzhafte Offenheit, mit der Kleveman seine eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten seziert. Die zweite Klammer des Buches ist die Bewegung weg vom elterlichen Hof, zu dem er am Ende mit seiner Braut Laila zurückkehrt. Ihr hat er das Buch gewidmet. Sein Umgang mit ihm nahen Menschen ordnete er über lange Strecken seiner Reporterkarriere seinen beruflichen Zielen unter und erkennt nun, wie sehr ihn dies isoliert.
Kleveman hat ein anregendes Buch geschrieben, das auf intelligente Weise Weltgeschehen und persönliche Geschichte kombiniert. Dabei behält er seine Ausgangsfragestellung im Auge und unterhält seine Leser hervorragend. Was will man mehr?