Weshalb behandelte mich mein Vater ein Leben lang verächtlich, fast wie eine Sache, in jedem Fall jedoch ohne jegliche Spur von Empathie? Unvergessen einer seiner typischen "Auftritte", als ich mich als Jugendlicher in einer schweren Krise befand, er sich ohne jede Kenntnis oder Nachfrage vor mir aufbaute und mir sein übliches "Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast" mit voller Wucht um die Ohren schlug.
Eine Szene von so vielen. Aber wiederum auch eine, die unvergesslich bleibt, da mich seine Interessen- und Verständnislosigkeit, seine Missachtung, vor allem aber sein nicht einmal marginal vorhandenes Einfühlungsvermögen in jenem Moment besonders vernichtend trafen. Diese Eigenschaften wogen umso schwerer, da sie sich mit einer Egozentrik paarten, die ihresgleichen sucht.
Was hat dies nun mit Sabine Bodes Buch "Kriegsenkel" zu tun? Sehr, sehr viel. Ich bin ein solcher, der 5 Jahrzehnte lang vergeblich nach einem Schlüssel suchte, der sich als nützlich dahingehend erweisen könnte, das schwere, stählerne Portal zu den Ursachen der erlebten Eiseskälte des Vaters zu öffnen, unter der ich noch heute, vier Jahre nach seinem Tod, leide. Bis zur Lektüre dieses faszinierenden Buches suchte und verwarf ich tausende von Versatzstücken zur Erklärung des Unverständlichen, um anschließend den Versuch zu unternehmen, aus den Trümmern neue Erklärungsmuster zusammenzusetzen. Vergeblich. Eins plus eins ergab niemals zwei.
In diesem Buch mit seinen diversen Fallbeispielen fand ich mich in allen mehr oder wenig, in einem aber gar zu 90% wieder. Gleich Schuppen, die von den Augen fallen, lichtete sich der so undurchdringliche Nebel, begriff ich, weshalb mein Vater wurde, wie er war, weshalb er verletzend und in sich gebrochen durchs Leben ging, warum er die Demontage anderer benötigte, um vor sich selber stark zu sein, bestehen zu können.
Entschuldigen kann ihn diese Erkenntnis nicht, doch scheint mir das sich anbahnende Verständnis für das Handeln ein erster Schritt zur Aussöhnung zu sein.
In jedem anderen der von Bode beschriebenen Fälle treten Verhaltensmuster auf, mit denen ich ich in meiner Erziehung ebenfalls konfrontiert wurde und die als bezeichnend für die Weitergabe erlittener Traumata an die "Kriegsenkel" gesehen werden müssen. Grundsätzlich sind natürlich auch individuelle, d.h. von Kriegsschrecken unbefleckte Charaktereigenschaften in die Persönlichkeitsausprägung mit einzubeziehen; der einzige Aspekt, den ich in Sabine Bodes Buch nicht ausreichend gewürdigt vorfinde.
Vergleicht man jedoch den grundlegenden Tenor all ihrer berührend offenen Interviews, so bleibt kein anderes als dieses Fazit: Die eingekerkerten, sorgfältig unter Verschluss gehaltenen Traumata der Generation der Kriegskinder endet eben NICHT mit der Existenz derselben, sondern lebt in ihren Nachkommen fort. Leider verfügen die Kriegsenkel im Gegensatz zu der vorangegangenen Generation nicht über die naheliegende Möglichkeit einer entsprechenden Zuordnung, da dieser Weg in der Regel versperrt bleibt.
Ebendiesen freigelegt, Verständnis für das rätselhaft empathielose Erziehungsverhalten der Eltern initiiert zu haben, ist und wird das große Verdienst der Autorin bleiben. Sie bahnt Erkenntnisse an, die ich dergestalt nie für realisierbar gehalten hätte.
Danke, Frau Bode, für dieses teils befreiende, in jedem Fall jedoch in seinen bisher kaum beleuchteteten Facetten ungemein wichtige Buch, das ich aus tiefstem Herzen einem Jeden meiner Generation weiterempfehlen möchte, der in welcher Form auch immer unter seinen Eltern litt und den Mut aufzubringen imstande ist, sich mit den möglichen Ursachen zu konfrontieren.